OpenClaw - Der neue Hype
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Endlich, da ist sie wieder, eine neue Sau, die durchs Dorf getrieben wird, OpenClaw ihr Name. Elon Musk, vollmundig wie immer, sieht schon den Beginn einer Singularität, den Moment, in dem die Maschinenintelligenz dabei ist, die menschliche Intelligenz zu überflügeln. Unser Qualitätsjournalismus, wie gewohnt geübt im Abschreiben, kriegt sich nicht mehr ein, sich mit Lobeshymnen zu überschlagen.
Was alles versprochen wird
Vorbote einer neuen Softwaregeneration, Systeme, die nicht mehr nur reagieren, sondern selber handeln, so die Werbung. Die in allem enthaltene Künstliche Intelligenz kann auf Kalender zugreifen, Code schreiben, kann sich selber neue Aufgaben stellen, Termine oder Tickets buchen, E-Mails und Erfolsmeldungen verschicken, den kompletten Tagesablauf organisieren. Sie kann so ungefär alles, was man mit einem Computer machen kann, wie ein Assistent, der mitdenkt, heißt es. Der Geist, der vor dem Computer sitzt, lobt Peter Steinberger, der Erfinder des Systems, seinen neuen Super-Assistenten. Fähig zu eigenständigem Handeln sei ein solches System, es sei also autonom und, einmal genutzt, tief in unseren digitalen Alltag integriert, so die Fortsetzung der Lobeshymnen.
Success stories zu Hauf, fangen wir mit einem bescheidenen Ding an: Jemand sagt seinem neuen Freund, buche mir für heute Abend über das Internet einen Platz in einem Restaurant in meiner Nähe. Das klappt nicht. Aber die KI hinter dem System lädt sich eine Stimme herunter und ruft das Restaurant an, vereinbart den Termin und meldet den Erfolg zurück.
Oder wenn ich richtig versessen bin auf das neue Ding, habe ich es instruiert, komplett meinen Alltag zu organisieren. Es checkt, wo ich gerade bin, sammelt die Wetterdaten einschließlich kurzfristiger Prognose, macht mir daraus einen Bericht, scannt meine Mails, schreibt ein Briefing sortiert nach meinen gewünschten Themenschwerpunkten und fasst den Rest kurz zusammen, macht mich aufmerksam, dass seit Tagen ein anderes Thema öfter aufgetaucht ist, fragt mich, ob das neue Thema in meine Interessenliste aufgenommen werden soll. Per Micro meines Smartphones bestätige ich das, und das Thema wird in meine Liste eingetragen. Das System chekt meinen Kalender, erinnert mich an das Colloqium um 14 Uhr, macht mich aufmerksam auf wichtige Personen, die ich unbedingt kontakten sollte und warnt mich vor Teilnehmern, vor denen ich mich lieber in Acht nehmen sollte, schlägt mir eine Person vor, der ich eine kurze Messenger-Nachricht schicken sollte, hat herausgefunden, ob die Person per Whatsapp oder Signal erreichbar ist und lässt es andernfalls bei einer SMS bewenden. Ich brauche nur kurz per Micro meines Smartphones zu bestätigen, und die message geht raus. Das System formuliert mir eine Geburtstagsmail für einen Freund, erinnert mich dank Eintrag in meinem Kalender an das Abendkonzert in der St.-Johannes-Kirche und schickt meiner Freundin einen Reminder, mich um 19:45 vor der Kirche zu treffen und hat auch schon einen Vorschlag, welches Restaurant in der Nähe nach dem Konzert noch geöffnet hat usw.
Das alles ist technisch möglich. Unter welchen Voraussetzungen, dazu später mehr. Sie ahnen schon, dass nichts ohne weitreichende Berechtigungen für den neuen Kameraden gehen wird.
Was dahinter steckt
Agentic AI ist nicht neu, aber die bisherigen künstlichen Agenten machten nur Aktionen, mit denen man sie ausdrücklich beauftragt hatte. Dass man mehrere von ihnen engagieren und zu einem Agentensystem zusammenschalten kann, ist auch schon seit längerer Zeit möglich.
Neu ist, dass man einem Agentensystem das Management eines kompletten sozialen Netzwerks anvertrauen kann. Man kann KI-Agenten wie Personen behandeln, sie in das Adressverzeichnis aufnehmen und ihnen Mails mit Anweisungen schicken. Sie können sogenannte crontabs abarbeiten, Listen mit sich in regelmäßigen Abständen wiederholenden Aufgaben und allle dort notierten Aktivitäten, auch mit anderen Personen, ohne eigenes Zutun abwickeln.
Dank SpeechToText kann man neue Wünsche formilieren, für deren Behandlung das System per Vibe Coding selber ein Programm schreibt, es testet und im Erfolgsfall installiert, Fehler eigenständig korrigiert.
Matt Schlicht, ein kalifornischer Entwickler, hat mit Moltbook sogar eine Plattform geschaffen, auf der unbegrenzt viele Agenten sich untereinander herumtummeln und irgendwas miteinander treiben. Real existierende Menschen sind hier ausgeschlossen, das Ganze ist eher als Experimentierfeld für Nerds gedacht, wird aber als Vorahnung zukünftiger Internet-Realität gehypt.
Höchste Zeit, um einen Blick auf die dahinter steckende Technik zu werfen.
Die Technik
Es braucht einiges, damit das geschilderte Spiel möglich ist. Um es gleich vorweg zu sagen: Es übersteigt bei weitem die Möglickeiten, die ein kundiger Laie hat. Das OpenClaw-System besteht aus den folgenden Komponenten:
- Sprachmodelle: Es brauch zuerst einmal ein Sprachmodell (ein sog. LLM - Large Language Model), nicht bloß einen Chatbot, wie wir es aus der unbedarften Praxis kennen, sondern eine Programmierschnittstelle, ein sogenanntes API, wie sie auch die Chatbots hinter der für uns Normalverbraucher unsichtbaren Fassade benutzen. Man kann die Sprachmodelle unter der Hand wechseln, aber dafür baucht es mehrere dieser Modelle mit ihren kostenpflichtigen APIs. Bei einem API kommt man nicht wie bei den Bezahlversionen der Chatbots mit etwas über 20 Euro per Monat davon, sondern bezahlt wird wie bei Gas, Wasser, Strom nach Verbrauch, in der Regel 15 US-Dollar pro Million Input-Token (Anfrage) und 75 US-Dollar pro Million Output-Token (für die Antwort des Modells), macht so etwa 20 bis 60 US-Dollar pro Monat, für eines dieser APIs (Preise Februar 2026).
- Tools oder Skills: Für alle Apps oder sonstigen Programme, die man benutzen will, braucht man Schnittstellen, also für die gängigen Dinge wie Mail, Kalender, Google Maps, Aufgaben, Messenger-Dienste wie WhatsApp, Signal, X (früher Twitter), SMS, Zoom oder Teams, interessante KI-Dienste und was man sonst noch an netten Dingen hat. Wenn man noch anspruchsvoller ist und auch große Anwendungssysteme wie SAP oder auch nur SuccessFactors, Salesforce oder andere Systeme nutzen will, auch Schnittstellen dafür. Ganz wichtig aber ist der Zugriff auf das Betriebssystem des benutzten Computers, für das Dateiensystem (Directory), die Kamera und das Mikro und die Bildschirmsteuerung (GUI - Graphic User Interface), denn man möchte ja auch seine Assistenten auf Internetseiten klicken lassen. Und selbstverständlich die Zugriffsrechte für alle diese hübschen Sachen, je nachdem wie umfangreich man sie nutzen will: Lesen, Schreiben, neue Objekte anlegen, bestehende löschen usw. Wenn man Zugriff auf Datenbanken haben will, selbstverständlich dafür auch APIs und Berechtigungen.
- Memory: Das ist ein Modul mit besonders gestaltetem Speicher, damit die Nutzungshistorie des Systems festgehalten werden kann, zum Beispiel die aus den bisherigen Kontakten herausdestillierten Vorlieben meiner Frau oder die besonderen Interessen meines Kollegen Ralph. Ohne dieses Teil wäre das System nicht in der Lage, auf bisher genutzte Anfragen und Antworten zuzugreifen, ähnlich wie das die RAG-Technik für die Nutzung der großen Sprachmodelle ermöglicht.
- Das Gateway: Die „Dispatcher“-Einheit, die die Benutzereingabe in erkennbare Teilaufgaben zerlegt und weiß, für welchen Job welche App gebraucht wird, also die Schaltstelle, die das ganze Spiel koordiniert einschließlich der Rückmeldungen und Nachfragen an die Benutzerin oder den Benutzer. Sie organisiert das Geschäft der verschiedenen Teil-Agenten untereinander und sorgt am Schluss für eine vernünftige Zusammenfassung.
Die aufgezählten Punkte machen deutlich, dass eine anspruchsvolle OpenClaw-Einrichtung kein Kinderspiel ist, sondern eine Menge Expertise und Erfahrung erfordert. Sicher wird es sehr bald vorkonfigurierte Angebote geben, mit einem Teil dieser hübschen APIs und halbwegs ungefährlichen Berechtigungen. Daran wird jedenfalls fieberhaft gearbeitet.
Good Bye Security
Sie kennen von jedem Buchungssystem, dass die Anbieter große Sorgfalt darauf legen, insbesondere die Zugriffsdaten auf die Kontoverbindung sicher zu speichern. Wenn ein solches Programm Zugriff auf meine Kontodaten bekommt, erfolgt dies im Rahmen einer klaren Zweckbindung. Das Programm kann dann zum Beispiel eine Reise buchen oder auch nur Kinokarten, aber keine Party organisieren und Einladungen an Gott und die Welt verschicken.
Bei OpenClaws Agentenwirtschaft ist das ganz anders. Die KI-Agenten haben Teilaufgaben, die aus einer strikten Zweckbindung weitgehend herausgelöst sind. Ein SpeechToText-Agent erzeugt aus gesprochenem Wort eben Text, egal in welchem Zusammenhang und wofür. Der Text kann eine umgangssprachlich formulierte Anforderung sein, ein Computerprogramm für eine bestimmte Aufgabe zu schreiben. Das OpenClaw-Gateway findet den Agenten für Vibe Coding, der das Programm schreibt, es testet und auch installiert. Das neue Prgramm ist nun ein von dem neuen Agenten verwalteter Skill. Wenn dieser eine Bezahl-Berechtigung braucht, sorgt das System dafür, dass der die Zugangsdaten für die Beschaffung der vom Betriebssystem sorgfältig aufbewahrten Passwörter erhält. Diese Quelle können auch beliebige andere Agenten anzapfen.
So werden in jahrelanger mühsamer Arbeit aufgebaute Sicherheitshürden für die Betriebssysteme quasi mit einem Schlag eingerissen. Deshalb erwähnen selbst die lautesten Marktschreier, dass man sorgfältig aufpassen müsse.
Empfohlen wird die OpenClaw-Einrichtung auf einem separaten Rechner, auf dem man auch nur die nötigsten persönlichen Daten speichert und nur minimalistisch Zugriffsrechte vergibt. Verschwiegen wird bei dieser Empfehlung, dass dann auch nichts aus den Blütenträumen von einem jederzeit verfügbaren zuverlässigen Freund wird und der Nutzungsumfang doch wesentlich bescheidener als versprochen ausfällt. Wenn ich wirklich etwas von dem Wunderding haben will, muss ich schon ins Risiko gehen - no risk no fun. Luftschlösser gibt es nicht zum Nulltarif.
Noch einen weiteren Aspekt sollte man nicht aus den Augen verlieren. Wenn ich schon einen persönlichen Begleiter habe, der mir lästige Routinearbeiten abnimmt und darüber hinaus mich auch mit „proaktiven“ Vorschlägen beglücken kann, dann will ich ja nicht, dass dieser neue Freund zuhause in meinem Computer sitzt, sondern mich auf Schritt und Tritt begleitet und immer da ist, wenn ich ihn brauche, egal wo und in welchen Lebenslagen. Mit anderen Worten, ich will ihn auf meinem Smartphone und am besten auch auf meinem Tablet mit mir herumschleppen können. Also brauche ich eine sichere, vertrauenswürdige Verbindung dieser Geräte mit meinem Computer zuhause. Ich will ja nicht, dass jeder Amateurhacker sich Zugriff auf meine Kontodaten beschaffen kann.
Technisch ist das ein klassischer Fall für edge computing, und da gibt es jede Menge Anbieter. Führend für besonders sichere Computerverbindungen ist Cloudflare, eine US-amerikanische Firma mit Sitz in San Francisco, nicht gerade kostengünstig: Sie haben die Mautstelle gebaut, bevor die Autobahn existierte, spottet Marcus Schuler, ein freier Journalist in San Francisco (zitiert nach F.A.Z. pro Digital vom 28.1.2026). Wenn ich alles zusammenrechne, wird mein neuer Freund also zu einem recht teuren Kostgänger. Das verschweigt uns die Jubelpresse.
Riesiger Ressourcenhunger
OpenClaws Erfinder Peter Steinberger war über Nacht ein weltbekannter Mann und konnte sich vor Angeboten nur schwer retten. Er entschied sich für die Windhunde von OpenAI, Hauptbegründung, sie seien am mutigsten, was die Milliarden-Dollar-Investitionen in neue Rechenzentren betrifft. Denn Anwendungen wie OpenClaw werden die Anforderungen an Rechnerpower noch einmal um eine beachtliche Größenklasse nach oben schrauben. Und genau diese Rechnung könnte nicht aufgehen.
Pua Khein-Seng, CEO von Phison, einer der weltweit größten Chip-Produzenten mit Sitz in Taiwan, warnt vor einem Engpass bei den „High Bandwidth Memory“-Chips, die für die Arbeitsspeicher der KI-Anwendungen gebraucht werden. Diesmal sind es nicht die Rohstoffe, sondern die Produktionskapazitäten, die mit dem KI-Wachstum nicht mithalten können (Quelle: Marvin Fuhrmann in t:n digital pioneers vom 19.2.2026). Die Konsequenzen dürften gebremster Fortschritt und höhere Preise sein.
Schon die Chatbot-Produzenten wirtschaften über ihre Verhältnisse (siehe Geldverbrennungsmaschinen). Sie machen milliardenschwere Verluste und leben von den Illusionen ihrer Investoren. Es ist
heute, 2026, schon abzusehen, dass wir deutlich mehr zur Kasse gebeten werden, wenn die Marktdurchsetzung von KI-Agentennetzen fortgeschritten oder die KI-Blase wieder Bodenhaftung erlangt hat.
Und die Folgen
Wir sollten eines klar sehen: Das Gerede vom autonomen Handeln ist Geschwätz. Hinter jedem KI-Agenten steht ein Programm, jemand, der es geschrieben hat, ein Unternehmen, das es ins Licht der Öffentlichkeit gebracht hat, eine Firma, der das Programm gehört. Es sind Menschen, die bestimmt haben, was geschehen kann. Dass die Programme weitreichende Befugnisse haben, ist von ihren Betreibern veranlasst. Keine Technik kann autonom handeln, immer muss jemand ihr sagen, was sie zu tun hat. Das gilt auch für Drohnen, die per Gesichtserkennung die Zielperson suchen, die sie töten sollen. Jemand hat diese Programme geschrieben. Verantwortung ist nicht an Technik delegierbar.
Die mentalen Folgen einer Technik mit leise fortschreitender und kaum noch umkehrbarer digitalen Entmündigung sollten uns nachdenklich machen. Wer die Organisation seines Lebens in einem solchen Ausmaß in die Hände von Techmik-Mogulen gibt, die es geschafft haben, die von ihnen ins Leben gerufenen Systeme auf weitere Individualisierung zu trimmen und Schnelligkeit zu einer moralischen Kategorie zu erheben, darf sich nicht wundern, wenn der Zusammenhalt der Gesellschaft vor sich hin schrumpft.
Wir haben uns zu fragen,
- ob und wie weit wir die Verplanung unserer Tagesabläufe durch Technik (nach dem Motto Das betreute Leben) akzeptieren,
- durch eine Technik, die privaten Großkonzernen gehört, die ihre eigenen Interessen verfolgen
- und darauf ausgerichtet ist, uns in eine immer größere mentale Abhängigkeit zu treiben
- sowie den Firmen selber einen von Tag zu Tag weniger reversiblen Machtzuwachs zu bescheren.