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Künstliche Intelligenz verändere die Unternehmenskultur, liest man überall. Unternehmensberatungen beglücken Unternehmen mit wohlklingenden Ratschlägen.

Die praktischen Leistungen sind allerdings überschaubar. Unternehmen fahren besser, wenn sie sich einen realistischen Blick auf die nachweisbaren Leistungen bewahren. KI ist eine nicht zurückdrehbare Universaltechnik, weshalb alle Beschäftigten für den Umgang mit der Technik qualifiziert werden sollten, vorzugsweise durch organisierte Erfahrungen. Dieser Beitrag enthält eine Liste konkreter Maßnahmen, die leicht durchführbar sind.


Veränderte Qualifikationsanforderungen

Es hat sich herumgesprochen, Künstliche Intelligenz in den Betrieben stellt andere Anforderungen an die Mitarbeiterqualifikation. Fachliche Qualifikationen haben nicht mehr den ausschließlichen Stellenwert früherer Zeiten, neue soziale Qualifikationen seien gefragt.

Glaubt man den Auguren der Personalwentwicklung, so geht es um folgende Human Core Capabilities (sorry man sollte das nicht übersetzen, macht aber nichts, wir haben ja gelernt, mit den Anglizismen zu leben), die Organisationen entwickeln müssen, um mit der Künstlichen Intelligenz klarzukommen:

  • Deutungsfähigkeit
  • Resonanz,
  • Selbststeuerung,
  • Ambiguitätstoleranz,
  • ethisches Entscheiden und
  • kreative Konzeptbildung.

Die Fähigkeit, inmitten der durch KI veränderten Komplexität bewusst Regie zu führen, über sich selbst, über Beziehungen, über Rollen und kulturelle Kontexte, rücke ins Zentrum professioneller Organisationsentwicklung, heißt es in einem Grundsatzpapier eines der vielen Consulting-Institutionen, die sich anschicken, Unternehmen den Weg in die neue Zeit aufzuzeigen. Befolge man die genannten Prinzipien, so gewinne man beispielsweise an kultureller Tiefenschärfe.

Jenseits der Dampfplauderei

Den hehren Sprüchen ist eine immense Überschätzung gemein, was Künstliche Intelligenz grundsätzlich leisten kann. Ein vernünftiger und erfolgversprechender Umgang mit der neuen Technik darf nicht den Boden der Tatsachen verlieren. Es geht in erster Linie um die bescheidene Einsicht, dass die sogenannte Künstliche Intelligenz eine Universaltechnik betrifft, die sich in nahezu jeden Arbeits- und Lebensbereich integrieren lässt. Probleme bekommt, wer dabei die Balance verliert.

Beispiel Chatbots

Lassen wir die Phantasien über die AGI (Artificial Generative Intelligence), die in greifbarer Nähe menschliche Leistungsfähigkeit überbieten wird, einmal beiseite, so ist der konkrete Nutzen der neuen Instrumente nicht selbstverständlich. Was Chatbots gut können:

  • Antworten schnell in der Masse bisher veröffentlichter Texte finden,
  • zu komplexen Themen aus unterschiedlichen Quellen Auskünfte finden und
  • Recherchen beliebig tiefen Ausmaßes durchführen,
  • aus Stichworten zusammenhängende Texte herstellen,
  • Kurzfassungen größerer Texte herstellen,
  • Texte in andere Sprachen übersetzen,
  • Präsentationen entwerfen und aufbereiten,
  • für IT-ler: zeitsparende Hilfe beim Code erstellen uvm.

mehr unter Wichtige Änderungen der KI-Technik

Diese Aufzählung zeigt schon deutlich, dass es den Zeitfressern gehörig an den Kragen gehen kann, wenn man die Instrumente klug einsetzt. Wenn man es gelernt hat, mit den Tools umzugehen, sind sie eine Hilfe, auf die man nicht mehr verzichten will. Unternehmen freuen sich über die dadurch gewonnene Produktivität, die vor allem zur Untermauerung der Arbeitsqualität gute Dienste leistet.

Ein kluger Einsatz der Technik setzt aber ein Grundverständnis davon voraus, wie die Technik funktioniert. Insbesondere sollte man wissen, wo ihre Leistung und vor allem ihre Zuverlässigkeit aufhört. Es sind nur ein paar Prinzipien, die man im Kopf behalten muss:

Was man wissen sollte

  • Alles, was die Technik hervorbringt, beruht auf bereits Dagewesenem. Es wird bestenfalls anders kombiniert, als man es bisher kennt.
  • Die Technik selbst „weiß“ buchstäblich nichts, „versteht“ auch nichts, hat kein Bewusstsein und ist zu keinem autonomen Handeln, noch nicht einmal zu autonomer Wahrnehmung fähig.
  • Insbesondere kann sie keine eigenen Entscheidungen treffen, sie kann nur das tun, was man ihr sagt oder wozu man sie durch Programme zwingt. Deshalb kann man die Verantworung auch nicht auf die Technik abschieben.
  • Alles was sie kann, beruht auf Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung. Sie findet zu einem angefangenen Satz oder zu einer gestellten Frage immer nur die wahrscheinlichste Fortsetzung oder Antwort.
  • Sie ist unschlagbar gut in Mustererkennung - das gilt für alles, was sich digitalisieren lässt, Texte, Sprache, Bilder und - sogar Gefühle.
  • Vorsicht ist geboten, wenn es um Gefühle geht. Man sollte sich immer bewusst sein, dass die Maschine nur Gefühle simulieren kann (mehr dazu in Künstlice Empathie).
  • Aufgrund ihrer im Training gelernten Mustererkennung können KI-Programme Strukturen in Bild- oder Tonquellen erkennen, Sprache in Text oder Text in Sprache umwandeln, aufgrund von Text- oder Sprachanweisungen Grafiken anfertigen und vieles mehr - und jedes Jahr ein Stück besser.
  • Ihre Fähigkeit beruht auf den Zusammenhängen, die sie in Abermilliarden Dokumenten gefunden haben, mit denen sie mit hohem Aufwand trainiert wurden.
  • In den letzten Jahren hat sich ihre Leistungsfähigkeit beachtlich gesteigert. Ihr „Wissen“ endet nicht mehr mit dem Datum ihres letzten Trainings, sie können jetzt im Internet suchen und die Ergebnisse in unterschiedlicher Form präsentieren (mehr dazu in Wichtige Änderungen ...).
  • Man darf nicht vergessen: Ihre Ergebnisse sind keine Fakten, sondern mit hohem Abstraktionsgrad errechnete Wahrscheinlichkeiten (ausführlich dazu siehe KI-2026).

Man kann sich Vorträge anhören oder Texte darüber lesen, was alles die KI-Technik kann und nicht kann, aber unschlagbar besser ist es, durch eigene Erfahrung zu lernen, was die Technik drauf hat und wo es aufhört mit ihrer Verlässlichkeit.

Obwohl eine Universaltechnik, wird KI eine sehr unterschiedliche Rolle in vielen Arbeitsbereichen spielen. Dort, wo reale Wertschöpfung entsteht, ist ihr Beitrag eher gering. Wo aber mit geschaffenen Werten weiter hantiert wird, ist ihr Beitrag unverkennbar hoch, vor allem dort, wo es um Dokumentation, Präsentation, Reporting, Weiterbearbeitung und Kontrolle von bereits Geschaffenem geht. Ganz besonders berührt ist alles, was sich unter dem Begriff Overhead beschreiben lässt und alles, was mit bürokratischen Abläufen zu tun hat.

Was man tun könnte

Bleiben wir bei den Chatbots: Ein Unternehmen sollte die Bereiche bestimmen, in denen in oben geschildertem Sinn der Einsatz eine Unterstützung der Arbeit bedeuten kann und dort allen Beschäftigten das Tool zur Verfügung stellen.

Wenn dem Unternehmen an einem produktiven Umgang mit der Technik liegt, sollte es diesen Umgang für alle erkennbar fördern und die Informationen für die Mitarbeitenden nicht mit ein paar zusammengekauften E-Learnings abfertigen. Die Technik einfach ignorieren hilft auch nicht, denn der Druck durch Erfahrungen, die vermutlich jede Person außerhalb des Betriebes längst gemacht hat, ist viel zu groß. Wer nichts tut, riskiert nicht nur, den Anschluss zu verpassen, sondern auch eine schnell gespaltene Belegschaft zu haben, in diejenigen, die sich auskennen und die Zurückgebliebenen. Allein die Fürsorgepflicht eines jeden Arbeitgebers sollte dafür sorgen, dass solche Szenarien vermieden werden.

Zahlreiche unterstützende Hilfen sind denkbar, hier eine bespielhafte Auflistung:

  • Verständliche Grundsätze, Guidelines oder Regelungen für den Umgang mit KI und nicht Kopfgeburten von Anwaltskanzleien sollten Klarheit schaffe. Insbesondere sollte deutlich kommuniziert werden, wozu die Technik nicht verwendet wird, z.B. für die technisch automatisierte Erstellung von persönlichen Eignungsprofilen oder Analysen emotionaler Befindlichkeiten der Mitarbeitenden (mehr unter Künstliche Empathie). Das altgewohnte Instrument der Betriebsvereinbarung eignet sich dafür immer noch hervorragend, jedenfalls solange man sich nicht einer verhunzten Bürokratensprache bedient.
  • Betriebsversammlungen, Abteilungsversammlungen, Town Hall Meetings oder wie immer man das nennen will, lassen sich nutzen, um vorzustellen, dass man die KI-Technik auf breiter Front nutzt, dass sie zur Ergänzung der Arbeit, nicht zum Ersatz der Arbeit eingesetzt wird und dass das Top-Management hinter der Angelegenheit steht.
  • Angebote kleiner Präsenzveranstaltungen, bei denen Teilnehmende auch Fragen stellen können, sind besser als nur elektronische Medien.
  • Das Unternehmen kann bereichsspezifische use cases aufgreifen und Veranstaltungen, z.B. offizielle Team-Meetings organisieren, in der anhand typische Arbeitsabläufe die Technik einfach ausprobiert wird.
  • Auf diese oder ähnliche Weise lässt sich auch erfahrbar machen, wo die Technik versagt, beispielsweise, indem man versucht, einen Chatbot bewusst zu Halluzinationen oder falschen Ergebnissen zu treiben. Lernen durch Erfahrung ist so viel erfolgreicher als auswendig gelernte Texte.
  • Wegen der erhöhten Gefährdung ist die Security gefragt, am besten in sich wiederholenden Formaten. Dabei ist deutlich zu machen, was man nicht tun sollte und was das Unternehmen nicht will, aber bitte nicht mit Verboten und Strafandrohungen. Es gibt übrigens eine Menge von anonym durchführbaren Tests, mit denen sich die Aufmerksamkeit der Benutzerinnen und Benutzer à jour halten lässt.
  • In die Security-Formate lassen sich auch die Datenschutz-Fragen integrieren, die sicher ebenfalls einen Platz in den Guidelines haben.
  • Verbesserungen, Erweiterungen oder auch nur neue Leistungsmerkmale sollten betriebsöffentlich vorgestellt werden und nicht dem Zufall des individuellen Ausprobierens überlassen werden.
  • Angebote über direkten Erfahrungsaustausch der Benutzerinnen und Benutzer untereinander sind immer hilfreich. Wenn es der IT gelingt, die eingesetzte Technik verständlich zu erklären, wäre das eine win-win-Situation für die Beschäftigten und für die IT selbst, die eine Rolle als Vermittler des Möglichen für das business finden könnte.

Unternehmensberatungen und vor allem die Hersteller selber lassen keine Gelegenheit aus, ihre aus der Verbindung der Chatbot-Technik mit Workflows bestehenden Produkte wie Sauerbier anzubieten, Agentic KI nennt sich das, klappt auch gelegentlich, zumindest bei einstufigen Workflows (mehr unter KI-Agentensysteme). Man kann das alles ausprobieren, aber dann sollte man dafür kontrollierte Experimentierräume schaffen und einen kritischen Erfahrungsaustausch nicht vergessen, bevor man eine Einsatz-Entscheidung trifft.

Statt sich in Change Management-Zyklen halbtot zu debattieren, sollte man die Dinge lieber anpacken, nicht irgendwann, sondern sofort.

Karl Schmitz • Februar 2026