Gastbeitrag
Dietmar Hexel, (Dipl.Soz Arb.) arbeitet als hypno-systemischer Coach und Organisationsentwickler für Führungspersonen, Aufsichts- und Betriebsräte. Beiratsmitglied LTA am KIT HOC, Karlsruhe und im Beirat EEP e.V. Stuttgart. Initiierte als Mitglied des Geschäftsführenden DGB-Bundesvorstandes für Organisation und Personal (2002-2014) u.a. das Projekt TRENDWENDE und den DGB-Index Gute Arbeit. Ehemaliges Mitglied der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex und Kuratoriumsvorsitzender Europäischen Akademie der Arbeit (EAdA), Frankfurt.
KI-Empowerment für Beschäftigte?
Der Vorrang des Menschen und seine Verantwortung.
Dietmar Hexel
FOBO statt VUCA: Der Management-Hype um Agilität, New Work und Nachhaltigkeit ist vorbei. Statt VUCA (Volatility-Uncertainty-Complexity-Ambiguity) dominiert FOBO (Fear of Becoming Obsolete). KI tritt in den Betrieben aus der Pilot- und Experimentierphase in die Investitions‑ und Umsetzungsphase ein. KI verändert mit Wucht und beschleunigt Arbeitswelt, Gesellschaft und die Kommunikation des Einzelnen. Über Produktivität, „Überlebende“ und „Verlierer“ besteht Unklarheit bei gleichzeitig enormen Kapitalbedarf. Es entstehen bei Beschäftigen und Management Wissensentwertung, Entmündigung, Machtverlust und Jobless Growth. Das bisherige Besteck zum Navigieren reicht nicht aus. Mega-Risiken (Übermenschlichkeit, Missbrauch für Biowaffen oder im Finanzsektor, Energiebedarf etc.) der AI-Revolution werden verniedlicht oder verdrängt.
Entmündigung oder Empowerment? Wie verändert KI Kommunikation, Macht, Arbeit, Qualifikation, Führung und Verantwortung in Unternehmen? Geht es bei KI-Einsatz vorrangig um Ersatz oder Erweiterung menschlicher Fähigkeiten? Sind Beschäftigte motiviert, sich selbst zu entwerten, zu entmündigen oder gar überflüssig zu machen? Welche neuen sozialen, organisatorischen und politischen Maßnahmen sind notwendig, um Ängste, Widerstände, Machtzuwachs bei Wenigen und Spaltungen in Verlierern und Gewinner zu vermeiden? Wie wird der sichtbare Konflikt um Leistung, Einkommen und Arbeitszeit gestaltet? Welche Führung ist gefragt? Wie entsteht ein fair ausgehandeltes Wertegerüst für KI in den Unternehmen mit Verbindlichkeit? Wie gestaltet sich Produkt- und Arbeitnehmerhaftung? Wie kann Verantwortung und Entscheidungsvorrang des Menschen durch eine demokratische Gestaltung und Kontrolle aussehen?
- KI ist kein Werkzeug im klassischen Sinne. KI etabliert sich mit Wucht als Organisations- und Governance-Technologie mit unterschätzter disruptiver Wirkung. Der Verlust bisheriger Fähigkeiten, Kompetenzen und impliziten Wissens verschiebt die Position der Beschäftigten incl. von Managern zu ihren Ungunsten. Wertschöpfung und Gewinn entstehen zunehmend durch KI. Jobless Growth mit Folgen für Steuern und Sozialsystem wird wahrscheinlicher. Risikoreich im Unternehmen ist der Verlust an menschlicher Erfahrung, Wissenstransfer und Entscheidungsfreiheit für wirkliches Wissen und Innovation durch menschliche Interaktion.
- KI versteht und weiß nichts. Sie ist eine nicht-menschliche Blackbox ohne Gefühle, Bewusstsein oder Moral. Sie ist nicht lebendig und kann nichts erfahren. Sie denkt, spricht nicht, sondern rechnet nur. Verantwortung und Entscheidung müssen deshalb beim Menschen bleiben, auch bei agentischer KI (AGI). Eine autonom handelnde Technik gibt es nicht. Hinter jedem KI-Agenten steht ein von Menschen entwickeltes Programm mit einem Gesamtauftrag. Entscheider privat-rechtlicher Unternehmen legen fest, was die KI-Technologie tun soll und welchen Werten und Zielen sie folgt.
Konsequenz: Ein massiver Umbruch mit hohem Kapitaleinsatz und teilweise nicht kontrollierbare Auswirkungen und Risiken durch KI steht bevor. Anpassung und Lerngeschwindigkeit der Beschäftigten sind deutlich langsamer. Entwertung und Arbeitslosigkeit drohen. Der KI-Einsatz muss präventiv, verantwortungsvoll, menschengerecht und zukunftsfähig gestaltet werden. Politik, Unternehmen, Gewerkschaften, Aufsichts- und Betriebsräte müssen frühzeitig soziale und organisatorische Rahmen schaffen, um KI für die Wertschöpfung produktiv zu machen. Ansonsten droht Demotivierung der Beschäftigten und eine weitere soziale Spaltung. Soziale Innovationen für Qualifizierung, Führung und demokratische Entscheidungsprozesse, die dem Menschen Vorrang einräumen müssen, neu gedacht, pilotiert und implementiert werden.
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