Nach dem Nullpunktfeld
Nochmal McTaggart
Meine Kurzfassung über ihr Werk Das Nullpunktfeld aus dem Jahr 2002 landet beharrlich unter den Top 20 der monatlichen Aufrufe von Dokumenten der tse.de-Plattform, Grund für mich, auch eines ihrer späteren Bücher ins Visier zu nehmen. Für mich ist Lynne McTaggart eine wahre Fundgrube. Sie erzählt die Geschichten immer etwas jenseits der main stream-Linien der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit, so z.B. in ihrem Buch The Bond, das dem Phänomen der Verbundenheit gewidmet ist und mit der Geschichte der Physik beginnt, einschließlich der Quantenphysik, deren Ergebnisse sie etwas eigenwillig interpretiert.
Quantenphysik
Die Jagd nach dem Ur-Teilchen der Materie, dem Atom, schildert sie als Folge des herrschenden Paradigmas der Naturwissenschaften, alles isoliert zu betrachten und in kleinste Teile zerlegen zu müssen. Sie freut sich vermutlich mit allen Physikern, dass die Quantenpysik dieser Sicht das längst verdiente Ende beschert hat. In ihrem Buch fehlt auch nicht die Auseinandersetzung mit dem geheimnisvollen Phänomen der Verschränkung, wobei eine Änderung bei einem elementaren Teilchlen, das mit anderen Teilchen „verschränkt" ist, sofort auch bei allen anderen mit ihm verbundenen Teilchen über beliebig große Entfernungen hinweg erfolgt, und sofort heißt wirklich sofort (wen es brennend interessiert: hier finden Sie einen Link für einen kleinen Ausflug in die Quantenphysik). Lynne McTaggart sieht darin den „poetischen Beiklang ewiger Unzertrennlichkeit“. Man kann diese etwas jenseits unseres derzeitigen Wissens über diese seltsamen Effekte liegende Sicht als Anleihe an unser Nicht-Wissen über die energetischen Grundlagen unserer Welt entschuldigen. Schließlich geht es um Dinge, die wir nicht verstehen und nur mit einer recht komplexen Mathematik ein bisschen beschreiben können (Hinweis für schlecht gelaunte Physik-Insider).
Epigenetik
Ein Meilenstein in der Geschichte der Genetik war die 1953 von James Watson und Francis Crick erfolgte Veröffentlichung der menschlichen DNA-Struktur, der berühmten Dopplehelix. Man kannte noch nicht die über drei Milliarden Nukleotide, die Bausteine eines Strangs der menschlichen DNA. Diese zu entschlüssseln war dann Aufgabe eines internationalen Großforschungsprojektes (USA, GB, Japan, Frankreich, Deutschland, China), des damals über drei Milliarden US-Dollar teueren Human Genome Project (von 1990 bis 2003). Für die herrschende wissenschaftliche Meinung der Genetik wurde nun klar, dass die Grundlagen der Evolution in den über 20.000 Genen der menschlichen DNA festgelegt waren, jedes Gen für sich aus Tausenden bis Millionen Basen-Paaren bestehend. Forschung und Entwicklung stürzten sich mit hohen Erwartungen darauf, die Eigenschaften dieser Gene zu entschlüsseln, herauszufinden, wie man sie beeinflussen kann, sei es durch Medikamente oder sonstige gentechnische Manipulationen. Es war die Geburtsstunde einer milliardenschweren Biotechnologie-Industrie.
Natürlich gab es auch Kritik an dem Mammut-Projekt: zu hohe Kosten, falsche Prioritäten, mangelnde ethnische Repräsentativität, Überschätzung der Gene bezüglich ihrer Bedeutung für Krankheiten und mangelnde Erfolge mit raschen Heilungen.
Evolution als einen kooperativen Prozess zwischen einem Organismus und seiner Umwelt zu sehen und auch erworbene Fähigkeiten und Eigenschaften vererben zu können, hat die etablierte Genetik lange Zeit nicht beschäftigt.
Lynne McTaggart schildert den langen Weg zur Einsicht, dass auch andere Faktoren als die in den Genen gespeicherten Informationen eine wichtige Rolle spielen:
- Schon viele Tierversuche zeigten, dass Ergebnisse aus der Verbindung von Genen und Umwelt weitervererbt werden.
- Unter den Umweltbedingungen kommt der Ernährung verständlicherweise eine besondere Bedeutung zu.
- Als einer der wichtigsten Umweltfaktoren muss man auch die Qualität unserer sozialen Beziehungen betrachten. Demnach ist die Anfälligkeit für Depressionen nicht nur ausschließlich auf „Pech im genetischen Roulett“ zurückzuführen.
Die Vorstellung, dass Umweltbedingungen in Zellen im Inneren von Organismen direkte Veränderungen von Genen und ihrer Steuerung auslösen können, galt lange Zeit als Häresie. Die Einsicht, dass Gene als biologische Moleküle in Interaktion mit anderen Molekülen ihre Strukturen verändern können, gewinnt nur langsam an Unterstützung. McTaggart führt Studien an, die belegen, dass ein äußerer Umwelteinfluss Gene vollständig zum Entgleisen bringen kann oder dass neue genetische Eigenschaften schon innerhalb einer einzigen Generation auftreten können - positiv wie negativ. Ein schönes Zitat fasst diese Gedanken zusammen:
Ernährung, ein starkes soziales Netzwerk und gute Nachbarschaftskontakte, eine sinnvolle Arbeit, geistige Anregungen und eine saubere Umwelt, frei von Giften, sind für unsere persönliche Entwicklung und unsere Gesundheit vielleicht sehr viel wichtiger als die Gene, mit denen wir auf die Welt gekommen sind.
Lynne McTaggart, The Bond, S. 88
Es ist unumstritten, dass Veränderungen in der Evolution durch Gen-Mutationen bewirkt werden. Grundsätzlich betreffen Mutationen alle Zellen, nicht nur die „normalen“ (somatischen) Körperzellen, sondern auch die Keimbahnzellen, die an die nächste Generation weitergegeben werden können. Die Epigenetik erweitert die Sicht darauf, was Mutationen auslösen und was ihre Häufigkeit beeinflussen kann.
Bleibt ein kleiner Wermutstropfen: Vor spürbarer Begeisterung für die neuen Ideen einer sich aus beklemmender Tradition lösenden Wissenschaft verzichtet die Autorin auf Hinweise, wie groß das Ausmaß sein kann, das die unterschiedlichen Umgebungseinflüsse auf genetische Veränderungen haben können. Man erfährt einiges darüber, dass Gene infolge der Einwirkung von Umweltbedingungen an- und abgeschaltet werden und dass Umweltstressoren Spuren auch in den Keimbahnzellen hinterlassen können, aber wie prägend und wie häufig diese Veränderungen sein können, da herrscht noch Schweigen im Walde.
Die Genetik ist sich einig über den Sachverhalt, dass funktionsverändernde spontane Mutationen überwiegend negative Auswirkungen haben, denn sie verändern eine über Jahrmillionen optimierte Struktur nach Zufallsprinzip. Vorteilhafte Mutationen sind extrem selten, sozusagen ein Lottogewinn, soweit die herrschende Meinung. So konzentriert sich die Fragestellung darauf, ob durch äußere Einflüsse Mutationen nur vermieden werden können und ob es uns (noch) nicht bekannte Faktoren gibt, die näher zu beschreibende positive Mutationen begünstigen können (mehr zeigen).
Warnung! Ich war nicht zufrieden mit den Aussagen McTaggarts über die vielen nicht genetischen Einflüsse auf Zellteilung, Mutationen und Vererbung. Ich wollte wissen, wie hoch diese Einflüsse sind, insbesondere wie stark sie sich auf die Vererbung auswirken. Deshalb musste ich mir erst einmal einen Überblick schaffen, wie Mutationen überhaupt ablaufen. Dann erst - so dachte ich - wird es möglich sein, das Ausmaß der vielen Faktoren auf eine mögliche Vererbung abzuschätzen. Wenn Sie diese Details nicht interessieren, klicken Sie einfach hier: Fenster verbergen.
Um der epigenetischen Fragestellung nach dem Ausmaß des Einflusses externer Faktoren wie Umwelt oder sozialem Verhalten auf die Evolution beurteilen zu können, ist es erforderlich, sich genauer damit auseinanderzusetzen, wie Mutationen ablaufen. Das ist eine komplizierte Angelegenheit und erfordert einige Mühe.
Die DNA und die Zellteilung
Der Hauptgrund für Mutationen sind Kopierfehler bei der Zellteilung. Wir haben 30 bis 40 Billionen Körperzellen, von denen sich täglich über 300 Milliarden neu bilden. Dies erfolgt über Zellteilung, wobei die komplette DNA mit ihren über drei Milliarden Kettengliedern, den Nukleotiden kopiert wird.
Jedes Nukleotid besteht aus Trägermolekülen (einem Zuckermolekül namens Desoxyribose und einer Phosporsäuregruppe) und einem der vier Basenmoleküle Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin. Sie heißen Basen, weil sie positiv geladene Wasserstoffionen an sich binden können. Diese Basen stehen sich in den beiden Strängen der Doppelhelix immer paarweise gegenüber und sind durch zarte chemische Verbindungen, sogenannte Wasserstoffbrücken aneinander gekoppelt. Sorry für die lange Erklärung, aber sie ist wichtig, um verstehen zu können, was bei dem Kopiervorgang schief gehen kann.
Kodierende Information in Genen
Innerhalb dieser milliardenlangen Kette befinden sich über 20.000 Abschnitte, die als Gene bezeichnet werden und die für den Zellaufbau des ganzen Organismus wichtige Informationen enthalten. Sie sind durch typische Start- und Stopp-Sequenzen von Nukleotid-Paaren (die sog. Promoter- und Terminator-Sequenz) in der DNA erkennbar. Die Reihenfolge der vier Basen entscheidet darüber, welches Protein später entsteht. Sie werden dafür immer in Dreiergruppen, den sog. Codons, gelesen. Aber das betrifft das Zellwachstum und ist hier nicht unser Thema.
Der Kopiervorgang
Ein Enzym, die sog. DNA-Polymerase, steuert den Kopiervorgang jedes Nukleotidpaares, alles sequenziell hintereinander. Es achtet beim Aufbau der Kopie auf die richtige Paarung Adenin-Thymin und Guanin-Cytosin. Hin und wieder kommt es dabei zu einer falschen Paarung. Zum Glück passiert das recht selten, mit einer Fehlerrate von 1:10.000 bis 1:100.000. Das Enzym erkennt dies an der Geometrie, die DNA-Leiter „beult“ sich dann etwas aus, weil das Basenpaar entweder zu dick oder zu dünn ist. Das Enzym sorgt sofort für eine Fehlerkorrektur, das sog. Proofreading, schneidet das falsche Teil wieder aus der Sequenz heraus und startet den Kopiervorgang neu. Danach ist die Fehlerrate auf 1:10 Millionen gesunken.
Wenn die ganze Kopierprozedur zu Ende ist, gibt es noch einmal eine Prüfung, das sog. Mismatch-Repair-System. Dabei checken spezielle Proteine die Doppelhelix und suchen Fehlpaarungen. Sind sie fündig geworden, entfernen sie dutzende bis hunderte Basenpaare um den Fehler herum. Das Polymerase-Enzym kopiert den Teil erneut aus der Original-DNA und fügt es in der Kopie ein. Ein Ausfall dieses Systems hätte katastrophale Folgen und würde zu rasend schnellen Fehleransammlungen führen, verantwortlich für viele Krebsarten.
Und nach alledem gibt es immer noch das Immunsystem, das sich um missratene Zellen kümmern kann, jedenfalls solange die Fehlbildung erkennbar ist.
Mögliche Kopierfehler
Fehler gibt es dann, wenn das für die Steuerung des Vorgangs verantwortliche Enzym ein falsches Molekül in die Kopie einfügt und der Reparatur-Mechanismus versagt hat. Im Folgenden die wichtigsten Fehler, die hier passieren können:
- Desaminierung: Eine Base verliert eine Aminogruppe und wandelt sich deshalb in eine an dem Ort falsche Base um. Wir haben eine sog. Punktmutation.
- Depurinierung: Wenn eine Base komplett abbricht, entsteht eine Lücke, die durch eine zufällig ausgewählte Base gefüllt wird, mit unkalkulierbaren Folgen - passiert leider relativ häufig (bis zu 10.000 Mal pro Tag)
- Effekte, die als springende Gene bekannt sind: DNA-Abschnitte, die in andere Gene hereinhüpfen können und damit deren gespeicherte Information zerstören
- Eine vorangegangene Schädigung durch UV-Strahlung kann zu Verklebungen von Bauteil-Nachbarn führen und beim Kopieren den Ablesevorgang stoppen.
- Direkte Treffer von Röntgen-, Gamma- oder Alphastrahlen können zu Einzel- oder Doppelstrangbrüchen führen und verursachen ebenfalls unkalkulierbare Fehler beim Reparaturversuch.
- Radioaktive Strahlung bewirken bei direktem Treffer eines DNA-Moleküls einen Bruch des Strangs oder wirkt indirekt durch den Angriff von freien Radikalen, die durch die Strahlung entstanden sind.
- Chemische Mutagene können zu basenähnlichen Molekülen führen, die dann irrtümlich in die Kopie eingebaut werden. Sie alle aufzulisten würde eine ganze Doktorarbeit abgeben.
- Teerstoffe aus Tabakrauch können sich als flache Moleküle an DNA-Elemente anhängen und die Paarung der Basen verhindern.
- Freie Radikale durch oxidativen Stress (Fehlernährung, Übergewicht oder ständig erlebter Alltagsstress (jede Körperzelle kann täglich bis zu 10.000 Treffer durch oxidative Schädigungsversuche wegstecken).
- Zahlreiche andere Starkmutagene ( Gifte durch Rauchen, falsche Ernährung).
- Viren, die eigenes Erbgut in die DNA einschleusen können.
- Bakterien, die chronische Entzündungen mit Freisetzung von Stoffen bewirken, die DNA-schädigende Wirkun haben (z.B. Helicobakter pylori)
- und sicher noch vieles mehr.
Das Ausmaß der Fehler
Wir können leicht ausrechnen, wie viele Mutationen wir täglich über uns ergehen lassen. Wir haben im Durchschnitt 330 Milliarden täglich neu entstehender Zellen. Davon hat jede Zelle für jeden Strang ihrer DNA 3,2 Milliarden Basen, macht zusammen 6,4 Milliarden. Das sind dann
330.000.000.000 Zellen × 6.400.000.000 Basen ≈ 2,1×1021 Kopierschritte
oder anders ausgedrückt 2,1 Trilliarden Kopiervorgänge. Wenn nun die Fehlerkorrekturen dafür sorgen, dass es nur noch rund einen Fehler pro einer Milliarde kopierter Basen gibt, so sind das
2.100 × 109 Fehler / 330 x 109 Zellen = 6,3 Fehler pro Zelle,
anders ausgedrückt: Jede neue Zelle bekommt bei ihrer Entstehung etwa 6 bis 7 Mutationen ab. Man kann sich nun weiter damit trösten, dass nur knapp zwei Prozent der DNA für die Entstehung von Proteinen codieren, also für die Weitergabe ihrer Information eine Rolle spielen, So landen die meisten Mutationen in Bereichen, die keine Auswirkung auf die Funktion der Zellen haben. Wenn ein Fehler doch einmal ein kritisches Gen trifft, bemerkt die Zelle das oft selbst und leitet den programmierten Zelltod, die Apopthose ein. Sie begeht also sozusagen „Selbstmord“, bevor sie Schaden surch Weitergabe ihrer verdorbenen Information anrichten kann.
Dass wir trotz der Milliarden täglicher Mutationen in unserem Körper meistens gesund bleiben, liegt daran, dass der Großteil dieser Fehler sozusagen „blind“ landet oder die betroffenen Zellen sofort aussortiert werden. Erst wenn sich spezifische Fehler in kritischen Genen (wie den Tumorsuppressor-Genen) in einer Zelle anhäufen, wird es gefährlich (mehr über diese Gefahren zeigen).
Nach der Multi-Hit-Hypothese der Krebsforschung muss eine Zelle mindestens vier bis sieben spezifische Mutationen in bestimmten Genen ansammeln, damit ein bösartiger Tumor entstehen kann:
- 1. Treffer: Die Zelle teilt sich etwas schneller als ihre Nachbarn (Hyperplasie).
- 2. Treffer: Die Zelle ignoriert Signale zum Aufhören mit dem Teilen aus ihrer Umgebung.
- 3. Treffer: Die interne Fehlerkorrektur (wie das Mismatch-Repair-System) fällt aus. Jetzt sammeln sich weitere Fehler sehr schnell an.
- 4. Treffer: Die Zelle wird „unsterblich“, weil sie den programmierten Zelltod (Apoptose) blockiert.
- 5. Treffer: Die Zelle sendet Signale aus, um eigene Blutgefäße zu sichern (Angiogenese), die ein Tumor für die Versorgung seines Wachstums braucht.
- Ab 6./7. Treffer: Die Zelle löst sich aus dem Gewebeverband und wandert (Metastasierung).
Für die Steuerung der DNA-Reparatur ist ein besonderes Protein, das p53-Ptotein im sogenannte TP53-Gen (im 17. menschlichen Chromosom) erforderlich. Wenn dieses Gen von Mutationen betroffen ist, kann es nicht mehr das p53-Protein produzieren, und die automatische Fehlerkorrektur kann nicht mehr stattfinden.
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Es ist also nicht so schlimm, wie es aussieht, nur knapp zwei Prozent der DNA enthält funktionsbeschreibendende Information. Fehler bei der DNA-Kopie für eine normalen Körperzelle betreffen nur das individuelle Leben der jeweiligen Person. Anders ist es, wenn Zellen der Keimbahn betroffen sind. Dann wird die Schädigung an die nächste Generation weitergegeben.
Konsequenzen
Das Wissen um die Faktoren, die Einfluss auf die Zellteilung und den Kopiervorgang der DNA nehmen, hat mit dem gestiegenen Interesse für die Epigenetik deutlich zugenommen. Aber immer noch wissen wir wenig darüber, wie stark und wie schnell sich die verschiedenen externen Faktoren auf die Vererbung auswirken. Welche Bedeutung dem sozialen Verhalten zu Lebzeiten eines Menschen für die nächste Generation zukommt, bleibt noch eine große Herausforderung für zukünftige Forschungsarbeit.
Ich hoffe, diese detaillierte Dartstellung hat Ihnen geholfen, sich vorzustellen, wie schwierig das Thema ist und wieviel Arbeit noch erforderlich ist, um Klarheit in der Frage zu erzielen, ob und welche Folgen externen Einflusses auf die Zellteilung für eine Vererbung relevant sind.
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Neurologie
Dass in unserem Gehirn für emotional gefärbte Beobachtungen wie z.B. Schmerz oder Trauer bei anderen Menschen dieselben neuronalen Prozesse ablaufen wie bei entsprechenden eigenen Erlebnissen oder Handlungen, ist Lynne McTaggart eine besondere Betrachtung wert. Es geht um die Spiegelneuronen. Sie „feuern“ nicht nur, wenn wir selbst eine Handlung ausführen, sondern auch dann, wenn wir lediglich beobachten, wie eine andere Person diese Handlung ausführt.
Lynne McTaggart vermutet, dass es sich dabei um keine individuelle Angelegenheit handelt, sondern um etwas, „an dem gemeinsame neuronale Schaltkreise beteiligt sind“, über die individuellen Kapazitäten hinaus, als Partizipation an einer generellen Verbundenheit. Der bloße Akt der Beobachtung verbinde uns automatisch mit der anderen Person. Gehirnwellen der beteiligten Personen treten in Resonanz, für McTaggart eine klare Sache, während Neurowissenschaftler noch darüber rätseln, ob messbare Koinzidenz auch Kausalität ist.
Astronomie und Astrologie
McTaggart berichtet, wie vor hundert Jahren ein russischer Wissenschaftler (Alexander Tschijewski) die kühne These präsentierte, dass nicht nur die russische Revolution sondern alle großen Aufstände und Umstürze in der Geschichte der Menschheit durch die Aktivität der Sonnenflecken verursacht seien. Diese Erklärung für die russische Revolution war Stalin zuviel, und er steckte den nicht zum Widerruf bereiten Wissenschaftler für acht Jahre in einen Gulag im Ural.
Es hat dann wieder Jahrzehnte gebraucht, bis die Auswirkungen der Sonnenflecken zu einem nicht ideologie-blockierten wissenschaftlichen Thema wurden. Heute, hundert Jahre später, lassen sich zumindest schwache Korrelationen zwischen Sonnenfleckenaktivitäten und Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen und Herz-Kreislauf-Ereignissen nachweisen. Es gibt interessante Untersuchungen über den Zusammenhang von Sonnenzyklen und Kriminalität, sozialen Unruhen und kollektiven Stimmungslagen, doch die Ergebnisse bestehen keine strengeren statistischen Signifikanztests. Sie sind nicht so recht überzeugende Marker für eine Verbundenheit mit dem Universum.
McTaggart hat das bewundernswerte Talent, immer wieder sehr interessante Themen beim Schopf zu packen, ist aber schnell dabei, vorsichtig gesagt, sehr gewagte Schlussfolgerungen zu ziehen, wenn sie Mutmaßungen von Wissenschaftlern zu Ergebnissen überhöht, zum Beispiel dass nicht wir unser biologishes Schicksal in der Hand haben, sondern der ganze Kosmos unsere Biologie beeinflusst, und zwar nicht nur unsere Biologie, sondern auch unser soziales Verhalten, „in Resonanz mit dem Kosmos“.
So verwundert es nicht, wenn auch die Mondzyklen aufs Korn genommen werden. Es lassen sich genug Psychologen zitieren, die Zusammenhänge von Mondzyklen und menschlichen Befindlichkeiten beschrieben haben. Aber von dort ist es doch ein weiter Weg bis zur Aussage, dass die Erde mit uns als ihren Bewohnern und alle Planeten um uns herum ... innerhalb einer Sphäre kollektiver Einflüsse existiert, die sich alle gleichzeitig miteinander in Resonanz befinden. Das ist keine Astronomie mehr und auch keine wissenschaftlich verpackte Astrologie.
Verbundenheit
Es folgen jetzt gut hundert Seiten, bei denen es generell um Verbundenheit geht. McTaggarts Botschaft: Wir seien zur Gemeinschaft geboren, unser fundamentalstes Bedürfnis richte sich auf ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Der Sinn jeder sozialen Beziehung bestehe letzten Endes darin, mit der anderen Peson zu „verschmelzen“.
Sie bemüht sogar die Spieltheorie für die Begründug, dass altruistische Verhaltensweisen den egoistischen überlegen sind. Sie bringt unzählige Beispiele für ihre zentrale These, dass Altruismus mit Zusammenarbeit korresponiert, im Gegensatz zum Wettbewerb, der immer „den jeweils Fittesten als Sieger“ hervorbringt. Um sich besser abzugrenzen, spitzt sie Darwins Evolutionstheorie auf das „Überleben des Stärksten“ (s. 25) zu, leider eines der übelsten Missverständnisse der Wissenschaftsgeschichte. Der von Darwin verwendete Begriff der „natürlichen Selektion“ bezieht sich eher auf eine bessere Angepasstheit an die ökologische Umgebung, mit Blick nicht nur auf das Überleben, sondern vor allem die Fortpflanzung.
Kooperation kontra Wettbewerb
Lynne McTaggart
Für ihre Aussage, dass die natürliche Auslese Kooperation und nicht Konkurrenz begünstigt, bemüht McTaggart zunächst viele Beispiele aus dem Tierreich. Sie braucht für ihre Überzeugungsarbeit, dass dies auch für Menschen gilt, weitere hundert Seiten und erwähnt viele Studien und wissenschaftliche Arbeiten, in denen diese These unter unterschiedlichen Aspekten begründet wird.
Die Seele jeder erfolgreichen Gesellschaft sei wechselseitiges Geben und Nehmen, das Maß, in dem jede Gesellschaft zerfasert, hänge davon ab, wie sehr Fairness und Gegenseitigkeit und damit Verbundenheit nachlassen - McTaggart legt Wert darauf, zu zeigen, wie diese Kernsätze in vielen wissenschaftlichen Arbeiten begründet werden.
Sie betont, dass ganze Kulturen sich darin unterscheiden, Konkurrenz durch gegenseitiges Unterstützen zu ersetzen und dass es schlecht um die westliche Welt mit ihrem auf das Individuum fixierten Blick steht, einen Blick, den indigene und auch fernöstliche Kulturen mit uns so nicht teilen.
„Es ist Zeit für eine neue Ära der Aufklärung, die Ganzheit anerkennt und respektiert und der Polarisierung zwischen Menschen, Völkern, Religionen und auch politischen Parteien ein Ende macht“, so McTaggarts Schlusplädoyer
(Lynne McTaggart, The Bond, S. 367).
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