SAP - Wichtige Merkpunkte aus Anwendersicht

Die tse hat sich seit je eher kritisch mit SAP auseinander gesetzt, statt in den handelsüblichen Jubelchor einzustimmen. Unter der Überschrift

SAP - Die wichtigsten Kritikpunkte aus Anwendersicht

entstand Mitte der 90er Jahre eine Zusammenstellung der wichtigsten Vor- und Nachteile. Wir kommentieren die damals geäußerte Kritik aus der Sicht September 2002. Die meusten damals eingebrachten Kritikpunkte können heute (Frühjahr 2008) immer noch Geltung beanspruchen.

Die Entscheidung für eine neue Systemarchitektur ist eine Entscheidung, die mindestens für ein Jahrzehnt gelten wird. Die folgenden Punkte sollten dabei eine kritische Betrachtung finden:

Die Vorteile

Diese beiden ersten Punkte können auch heute - Sommer 2002 - unvermindert Gültigkeit beanspruchen. Windows ist inzwischen überall - und SAP hat seinen Vorsprung gut nutzen können. Die Internet-Welle wurde buchstäblich verschlafen, auch das ohne Schaden für SAP. Nach dem Zusammenbruch vieler new-economy-Blütenträume stellte sich das Festhalten am Traditionellen unverhofft als Tugend dar. Inzwischen trennt sich - konzeptionell wie technisch - in dem ganzen Internet-Rummel die Spreu vom Weizen, und SAP befindet sich in fortgeschrittener Position seiner Aufholjagd.

Die Nachteile
Mitte Nueunziger Jahre Sommer 2002
SAP R/3 ist eine veraltete Technik. Die Systemarchitektur besteht aus Clients mit zentral mächtigen Serverfunktionen (Datenhaltung und Applikationslogik); das Konzept stammt noch aus den Achtziger Jahren. Von fortgeschritteneren Datenbank-Leistungsmerkmalen (wie z.B. verteiltes Datenmanagement) macht SAP R/3 keinen Gebrauch Immer noch zentral ist die Datenhaltung. Der heute im Rahmen des mySAP.com-Konzeptes angebotene SAP-Workplace ist immer noch eine mächtige Client-Anwendung, aber SAP arbeitet mit Volldampf an einem Web-GUI, also einem grafischen Benutzer-Interface, das mit einem Browser aufgferufen werden kann.
R/3 ist kein Neuentwurf, sondern nur eine Portierung oder Migration des alten Großrechnersystems R/2 auf eine neuere Hardware-Plattform (UNIX- oder Windows-NT-Server mit PCs als Arbeitsstationen). Diese Konstruktionsfehler sind nicht korrigierbar Es sind viele neue Leistungsmerkmale dazu gekommen. Sie folgen aber alle dem Paradigma transaktionsorientierter Standard-Software.
SAP R/3 ist ein proprietäres System, d.h. in hohem Maße herstellerspezifisch. Es verwendet eine eigene, außerhalb des Systems nicht benutzbare Programmiersprache (ABAP IV). Dadurch entsteht eine hohe Abhängigkeit des Anwender-Unternehmens vom Hersteller, das seine eigenen IuK-Kapazitäten großenteils auf SAP fixieren muss. Hier hat es Abhilfe gegeben. Neben der hausinternen ABAP-Programmierung ist nun auch Java zugelassen. Man bleint "nach allen Seiten offen, sowohl für die Java-Plattform J2EE als auch für Microsofts Dot-Net.
Die Programmierung ist - trotz sich objektorientiert gebender Beschreibung - klassisch prozedural, während neuere Systeme Objekttechniken verwenden.

Prozedurale Systeme orientieren sich an den Funktionen, weniger an den Datenstrukturen und Objekten eines Arbeitssystems. Während Datenstrukturen und Objekte relativ konstant bleiben, unterliegen mit den immer schneller wechselnden Anforderungen des Marktes und/oder des Betriebes die Funktionen, d.h. die Art und Weise der Bearbeitung von Vorgängen, starken Änderungen. Daher ziehen funktionale Softwaresysteme einen hohen Änderungsaufwand nach sich.

Das inhaltliche Konzept des Systems kann man heute als objektorientiert bezeichnen. Die Technik wird nachziehen, in dem Maße, in dem die alte ABAP-Programmierung ersetzt wird.
SAP ist bezüglich Änderungen und Erweiterungen zu unflexibel. Zu vieles muss bei der Ersteinrichtung festgelegt werden. Spätere Veränderungen erfordern ein im Vergleich zu anderer Software hohen Aufwand. Dadurch sind kontinuierliche Verbesserungsprozesse erschwert. Praktisch wird der Betrieb an die Software angepasst, nicht umgekehrt. Diese Kritik muss leider bestehen bleiben. Das Customizing bietet im wesentlichen einem Unternehmen nur eine Auswahl aus vorgehaltener Funktionalität.
Das System ist zu komplex. In der Regel kann der Anwender nur 10 bis 50 Prozent des SAP-Leistungsumfangs nutzen. Es besteht die Gefahr zu aufwendigen Softwarelösungen, die in der täglichen Nutzung zu teuer sind. Auch das hat sich eher verschlimmert als verbessert.
Die Benutzerfreundlichkeit weist große Mängel auf. Der äußere Erscheinungsrahmen entspricht zwar der Microsoft-WINDOWS-Oberfläche, aber das System hat zu wenig "innere Dramaturgie", von der man sich intuitiv leiten lassen kann. Die Dialogführung durch viele Bildschirmbilder ist oft beschwerlich. Man hat allen Schnickschnack mitgemacht, den die Windows-Welt heute bietet.

Die Entwickler scheinen sich überwiegend an den "gelegentlichen Benutzern" (wie Vorstände und Geschäftsführungsmitglieder) zu orientieren. Die finden die vielen schönen Reiterchen natürlicdh gut. Die normalen Benutzer stöhnen eher über die viele Klickerei und scheinen sich nach den alten Bildschirmbildern des Releases 3 zu sehnen.

SAP ist viel zu teuer. Man rechnet mit 30.000 bis 80.000 DM pro Benutzer an Einführungskosten insgesamt (Quelle: Taugt SAP R/3 auch für den Mittelstand? in Computerwoche 34/97, S. 14). Die Implementierung dauert im Vergleich zu anderen Systemen zu lange und bedarf der Hilfe von Consultants, deren Arbeitsweise und Qualifikationen oft viele Wünsche offen lassen. Der Schulungsaufwand ist sehr hoch. Der laufende Änderungsaufwand (Releases) beschäftigt das Unternehmen in äußerst starkem Maße. Die Produktivität leidet unter dem hohen Funktionsumfang (hohe user costs). Über Preise kann man streiten. Wir meinen, was nebenan steht, gilt auch heute noch.

SAP hat sich die israelische Firma TopManage einverleibt und wird ein von denen entwickeltes ERP-System für den Mittelstand (Business One) auf den Markt bringen. Geplantes Roll Out: Oktober 2002.