Die grunzende Nachtigall

Von Kathrin Flex, Der Albbote, Dezember 1998

Als der chinesische Weise Jo-Han schon in hohen Jahren war, befragte ihn ein Abgesandter des chinesischen Kaisers: "Oh, Du Großer unter den Denkern im Reich der Mitte, willst Du nicht zu uns an den Hof kommen und dich einreihen unter die Ersten der Höflinge?" Da sprach Jo-Han: "Ich will Dir eine Antwort in einer Geschichte geben, um Dir nicht die Unhöflichkeit einer direkten Ablehnung zukommen zu lassen.

So setze Dich denn zu mir und höre von der Nachtigall, die einst vor einem Schweinekober ihr Quartier bezogen hatte.

Die Nachtigall saß also auf ihrem Baum und sang eifrig und schön in allen Tonlagen. So entzückt war sie von ihrem eigenen Gesang, daß sie erst nach einigen Tagen bemerkte, daß die Schweine, die im Garten gegenüber lagen, von ihrem Gesang nicht die geringste Notiz nahmen.

Die Nachtigall schwieg einen Tag still, überlegte sich neue, schmelzende Melodien - und begann nach 24 Stunden so schön zu singen wie noch nie. Die Schweine aber grunzten weiter in ihrem Dreck und achteten ihrer nicht. Da wurde die Nachtigall traurig und beschloß, all die schönen Melodien, die in ihrem Herzen schwangen, zu vergessen und das Grunzen zu erlernen. Einige Tage lauschte sie den Schweinen, dann war es endlich so weit.

Sie grunzte von ihrem Baum herab zu den Schweinen unter ihr. Und ihr Grunzen war so vorzüglich, daß gleich ihr Debüt den heftigsten Beifall der Schweineherde herausforderte. Und in einer sofort anberaumten Versammlung beschlossen die Schweine, die Nachtigall - auf daß sie ihr Talent weiter entwickeln möge - einen Preis auszusetzen.

Da sah nun die Nachtigall, wie schnell ihr Ruhm bei den Schweinen gewachsen war. Sie sah sich auf einmal geachtet und geliebt - und hatte seitdem für ihre Schwestern im Wald nichts als Verachtung übrig. "Was sollen", sagte sie, "die melodischen Kunststücke meiner Freunde in Gottes freier Natur. Nur, wer mit den Schweinen grunzt, dem gehört die Zukunft..."

So also erzählte der Weise Jo-Han. Er blieb, wo er war - und der Höfling kehrte unverrichteter Dinge zurück an den Hof des Kaisers.


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