Künstliche Intelligenz und Arbeitsplätze
Stimmt die verbreite Vorstellung, dass die Künstliche Intelligenz massenhaft Arbeitsplätze vernichten wird und die von ihr noch verschonten Arbeitsplätze schlechter bezahlte Jobs sind?
Dahinter steckt die Vermutung: Künstliche Intelligenz wird solche Arbeitsplätze ersetzen, die sie besser kann als Menschen. Oder betriebs- und volkswirtschaftlich formuliert: KI wird sich dort durchsetzen, wo sie gegenüber Menschen einen Wettbewerbsvorteil hat.
Weiter wird befürchtet, dass bei der KI-veranlassten Automaisierung von sich stark wiederholenden Arbeitsschritten nur noch kleinteiligere und ödere Restarbeiten für die Menschen übrig bleiben, deren Automatisierung zurzeit noch zu schwierig oder zu teuer ist.
Der Hinweis auf die Wirtschaftlichkeit verkompliziert die Frage, denn unter diesem Gesichtspunkt kommt es nicht allein auf das Können der KI an sondern auch auf ihre Kosten. Wenn KI über jeden Zweifel erhaben etwas besser kann als Menschen, aber im Vergleich zu den Menschen viel zu teuer ist, wird sie den Wettbewerb mit den Menschen verlieren, obwohl sie bezogen auf ihr Können besser ist als Menschen.
Die Kosten der Künstlichen Intelligenz
Der Betrieb der großen Sprachmodelle (der sogenannten Large Language Models), die hinter den Chatbots oder Anwendungen wie Microsoft Copilot stecken, ist richtig teuer. Die Modelle müssen auf Hochleistungscomputern mit speziellen Chips oft wochenlang trainiert werden, bevor sie gebraucht werden können. Wenn sie dann genutzt werden, benötigen sie Unmengen teurer Rechenzeit. Ihr Energieverbrauch ist beachtlich und verschlingt immer größer werdende Anteile der knappen Ressource Energie.
Immer größere und immer mehr Rechenzentren müssen gebaut werden. Diese brauchen Ressourcen, die für andere Zwecke nicht mehr genutzt werden können, von gigantischem Stromverbrauch für ihren Betrieb, vom Land für ihren Aufbau bis zum Wasser für ihre Kühlung. Wir sprechen hier von Grundstoffen, die wir alle zum Leben brauchen: Wohnraum, Wasser, Strom, Heizung, Essen aus heimischer Landwirtschaft, die für uns immer teurer und knapper werden.
Außerdem hat die bisherige Entwicklung in den 2020er Jahren zu wachsenden Abhängigkeiten von den BigTech-Konzernen und insbesondere von den in ihrem wirtschaftlichen Verhalten immer unkalkulierbarer gewordenen USA geführt und lässt befürchten, dass die Kosten für KI steigen. Dies hat zwar eine unter dem Stichwort Digitale Souveränität geführte Debatte losgetreten, aber dennoch die Abhängigkeiten weiter vergrößert.
10 Fragen für mehr Klarheit
Statt die Dinge schön zu reden oder den Teufel an die Wand zu malen, hier eine Liste von Fragen, die zu diskutieren sich sicher lohnen würde:
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Werden die steigenden Kosten für den Betrieb von KI-Systemen deren Verbreitung begrenzen? |
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Die Verknappung und Verteuerung der zum Betrieb von KI-Systemen benötigten Ressourcen (Land für Rechenzentren, Wasser für Kühlung, Energie für den laufenden Betrieb, Ressourcen und Kosten für die Herstellung der Computer in den Rechenzentren) lässt sich heute (Stand 2026) nur schwer einschätzen. Wie stark werden dadurch die Einsatzmöglichkeiten für KI begrenzt? Für welche Art von Tätigkeiten bleibt menschliche Arbeitskraft günstiger, weil der KI-Einsatz teurer ist?
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Wird die große Abhängigkeit insbesondere von den US-amerikanischen BigTech-Konzernen Grenzen für den zukünftigen KI-Einsatz setzen? |
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Die Bemühungen um eine europäische oder nationale digitale Souveränität zeigen keine ausreichende Begrenzung der bestehenden Abhängigkeiten. Werden sich die Europäische Union oder einzelne Staaten auf wirksame Initiativen einigen können? Oder werden durch die Verteuerung der KI-Nutzung infolge der wachsenden Abhängigkeit die Chancen für eine Nutzungsbegrenzung des KI-Einsatzes begünstigt?
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Lohnt sich das Abwarten auf alternative Entwicklungen der Künstlichen Intelligenz? |
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Heute sind bereits eine Vielzahl kleinerer, aber durchaus leistungsfähiger KI-Systeme, größtenteils sogar auf open-source-Basis, verfügbar. Sie sind keine Universalsysteme, aber sie eignen sich gut für spezifische Aufgaben und können Unternehmen in die Lage versetzen, von den BigTech-Anbietern unabhängige Lösungen zu entwickeln. Firmen würden nicht länger den Versprechen der großen Anbieter und ihrer Unternehmensberatungen in viele Sackgassen folgen und entsprechend Ressourcen verschwenden müssen. Vor dem Hintergrund konkreter Verwendungszwecke der KI-Technik würde auch der Personaleinsatz einschließlich der erforderlichen Qualifizierungen planbarer. Wird dadurch der Abbau von Arbeitsplätzen deutlich begrenzt oder zumindest frühzeitiger kalkulierbar, mit der Chance des Zeitgewinns für Beschäftigungsalternativen?
Die gigantischen Bewertungen der führenden KI-Unternehmen sind Ausdruck der Erwartung langfristiger Monopolgewinne, die möglicherweise nie realisiert werden, vermutet Ökonomie-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und deutet damit die Gefahr des Zusammenbruchs der sog. „KI-Blase“an. Wenn er damit recht hat, genügt es dann, einfach abzuwarten?
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Wird sinkende Qualität der KI-Leistungen die Einsatzmöglichkeiten stärker begrenzen als dies zurzeit vermutet wird? |
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Die öffentlich verfügbare Datenflut steigt jährlich mit zweistelligen Wachstumsraten. Viele dieser Daten werden maschinell produziert. Dabei werden bereits vorhandene Informationen nur vervielfältigt, die Quote an neuer Information sinkt (Genaueres unter Qualitätsverlust des Internets). Diese qualitätsgeminderte Datenflut wird bei künftigen Trainings der großen KI-Modelle verwendet. Wird dies zu einer Ernüchterung der Erwartungen und damit zum Rückgang der Nutzung von Chatbots führen?
Die Leistungen der Large Language Models beruhen im wesentlichen auf Wahrscheinlickeitsberechnungen, werden aber von vielen Menschen als Tatsachen betrachtet. Die selbst von den Anbietern empfohlene Fehlerprüfung findet nur selten statt. Werden sich nicht mehr bemerkte oder nicht mehr korrigierte Fehler in die betroffenen Wirtschaftsprozesse einschleichen und das Vertrauen in die KI-Leistungen weiter beschädigen?
Wird der wachsende KI-Einsatz durch die Erfahrung der Qualitätsdefizite vorzeitig gebremst und wenn ja, wie stark?
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Wird ein zunehmender KI-Einsatz zu einer Polarisierung der Bildung führen, im Sinne von kleinen hochgebildeten sogenannten Eliten und einer großen Masse von Menschen, für die es immer weniger zu tun gibt? |
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Es sind nicht nur kleinteilige und für die KI-gesteuerte Automatisierung zu teure Arbeiten, sondern nach Meinung vieler Experten auch hochwertige geistige Tätigkeiten, die zunehmend durch KI-Einsatz ersetzt werden oder wegfallen können.
Der vermehrten Verwendung von KI im gesamten Erziehungsprozess - vom elterlichen Umgang mit Kindern über Schulen bis zu den Universitäten - werden mentale Folgen nachgesagt, die sich als Aufmerksamkeitsstörungen und verminderte Lernfähigkeit beschreiben lassen.
Besteht die Gefahr, dass die staatliche Bildungspolitik sich diesem Umstand anpasst und das Bildungsniveau für den Großteil der Gesellschaft absenkt - von den Schulen bis zu den Universitäten?
Vor dem Hintergrund polarisierter Bildung plädieren zunehmend Verfechter der KI-Technik für ein „bedingungsloses Grundeinkommen“, das der größer werdende Teil der Menschhei, erhalten sollt, für den es keine sinnvolle Arbeit mehr geben wird. Ist dieser Trend ernstzunehmen und, wenn ja, welche Maßnahmen sind erforderlich, um ihn abzuwehren? |
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Kann der Bevölkerungsrückgang durch KI ausgeglichen werden? |
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Die Geburtenraten aller sogenannten entwickelten Länder ist rückläufig (Spitzenreiter China mit 1.0 Kind pro Frau, bei fast allen europäischen Ländern unter 1.5, Ausnahme Frankreich mit 1.6), mit der Folge eines Bevölkerungsrückgangs, dessen Ausgleich durch Immigration nicht ohne Probleme möglich ist. Für den Erhalt des Wohlstandniveaus ist jedoch mindestens der Erhalt bisheriger Produktivität erforderlich.
Wie hoch ist das Potenzial von KI für den Ersatz erforderlicher Arbeitsplätze, die nicht mehr mit Menschen besetzt werden können? Wird durch die niedrige Geburtenrate langfristig die Gefahr KI-bedingt steigender Arbeitslosigkeit zumindest abgemildert?
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Lassen sich Modelle für eine bessere Prognose von durch KI gefährdete Tätigkeiten und Arbeitsplätze entwickeln? |
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Für eine vorausschauende Politik wäre es begrüßenswert, wenn man über verlässlichere Prognosen verfügen könnte. Der KI-Einsatz wird von vielen unterschiedlichen Faktoren abhängen, die fast alle keine linearen Kausalketten sind, sondern sich gegenseitig beeinflussen. Die Liste vorausgesagter angeblich wegfallender Tätigkeiten ist lang und nicht frei von Alarmismus und Effekthascherei. Allein deshalb interessiert es, welche Tätigkeiten als von Menschen ausgeführte Arbeit vermutlich erhalten bleiben, obwohl KI in der Lage wäre, sie zu ersetzen.
Können bessere Prognosewerkzeuge zu einer besseren Steuerung der Beschäftigungspolitik führen? Gibt es Institutionen, die in der Lage sind, solche Werkzeuge zu entwickeln, Werkzeuge, die transparent und nicht an einseitigen Interessen ausgerichtet sind?
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Kann KI einen Beitrag für die Lösung des zunehmenden Wunsches vieler Menschen nach kürzerer Arbeitszeit leisten? |
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Die Diskussion um die Work-Life-Balance hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Gleichzeitig nimmt die politische Debatte um Verlängerung der Arbeitszeit und längerer Lebensarbeit zu. Kann KI-Einsatz die befürchteten Wachstumseinbrücke kompensieren?
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Wird vermehrter KI-Einsatz zu einer fortschreitenden gesellschaftlicher Polarisierung führen? |
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Wenn wirtschaftliche oder/und politische Eliten sich gegenüber der Bevölkerung abschotten, können sie dafür sorgen, dass die Verknappung der Ressourcen nur die Bevölkerung trifft, während sie sich die Privilegien der Nutzung verteuerter Ressourcen (Wohnen, Freizeit, Lebensstandard) weiter leisten können.
Welche Gefahren für die politische Entwicklung unserer Gesellschaft ergeben sich aus diesem Umstand?
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Gefährdet Künstliche Intelligenz die Demokratie? |
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Die derzeit wichtigsten KI-Systeme werden von privaten Konzernen betrieben. Sie bestimmen weitgehend die Regeln und haben prägenden Einfluss auf das soziale Verhalten. Sie unterliegen kaum einer legitimierten Kontrolle. Staatliche Regulierungen sind durch umfangreiche Lobbyarbeit verwässert, greifen bestenfalls in den kommerziellen Wettbewerb ein, aber berühren das Leben der Menschen nicht.
Besteht darin eine Gefahr zunehmenden Politikverdrusses und der Erosion historisch erreichter demokratischer Regeln?
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Natürlich lassen sich viele dieser Fragen - zumindest teilweise - beantworten, sicher nicht frei von Kontroversen. Wir sehen aber, wie schwierig es ist, eine mit überprüfbaren Fakten belegte Antwort auf die Frage zu erhalten, ob der Einsatz von Künstlicher Intelligenz massenhaft Arbeitsplätze vernichtet.