China und die USA:
Ist die Zukunft schon entschieden?
Dan Wang, einer der einflussreichsten Wirtschafts- und Technologieanalysten zur chinesischen Industrie- und Technologieentwicklung, hat ein bemerkenswertes Buch geschrieben: Breakneck - Chinas Versuch, die Zukunft zu gestalten.
BREACKNECK
China's Quest to Engineer the Future
Schon das erste Kapitel trifft den Nagel auf den Kopf:
Engineers vs. Lawyers.
Die zentrale These: China ist ein Land der Ingenieure, der Macher, die USA ein Land der Rechtsanwälte, Regulierer und Bedenkenträger.
Mit Europa und seiner EU scheint der Autor es nicht so zu haben, denn sonst hätte er sie nicht unerwähnt gelassen.
Im Original klingt das so:
Eine amerikanische Elite, die hauptsächlich aus Anwälten besteht, die sich durch Obstruktion auszeichnen, gegen eine chinesische technokratische Klasse, die hauptsächlich aus Ingenieuren besteht, die sich durch Konstruktion auszeichnen.
An American elite, made up of mostly lawyers, excelling at obstruction, versus a Chinese technocratic class, made up of mostly engineers, that excels at construction.
übersetzen.
Chinas Top-Politiker, ob Präsidenten oder Generalsekrtäre der Kommunistischen Partei, bis zurück zu Mao, waren von ihrer Ausbildung her Techniker. Deng Xiaoping, de-facto-Nachfolger Maos, beförderte Ingenieure in die Top-Positionen des Politbüros und der Regierung. Nach 2002 waren alle Mitglieder des Politbüros Techniker, viele auch mit Erfahrungen aus der Leitung großer Unternehmen. Xi Jinping, seit 2013 Generalsekretär der Partei und Regierungschef in Personalunion, studierte Chemieingenieurwesen an der Xinghua, Chinas führender wissenschaftlicher Universität, und sorgte dafür, dass sein Politbüro ebenfalls mit Techikern und erfahrenen Industriemanagern besetzt ist.
The United States, by contrast, has a government of the layers, by the lawyers and for the lawyers,
Die Vereinigten Staaten hingegen haben eine Regierung der Anwälte, von Anwälten und für Anwälte,
übersetzen
schreibt Dan Wang. Dwight Eisenhower war General, die US-Präsidenten nach ihm hatten außer Jimmy Carter keine Ingenieurs- oder Technikerausbildung, Lyndon Johnson war Lehrer, alle anderen hatten rechts-, wirtschafts- oder politikwirtschaftliche Abschlüsse.
Sicher nicht überzubewerten, die Ausbildung des Polit-Spitzenpersonals, aber es erklärt einiges.
Top Engineering
Kreuzung in Guizhou
Rund siebzig Seiten widmet der Autor den erstaunlichen Leistungen chinesischer Ingenieurskunst, bestechend die Schnelligkeit und Verlässlichkeit bei erstaunlich niedrigen Kosten, jedenfalls im Vergleich zu den USA, Building Big eben. Produktionsstätten entstehen in ungewohnter Geschwindigkeit, ganze Städte werden aus dem Boden gezaubert, architektonische Glanzleistungen und vor allem funktionierende Infrastruktur.
Die soziale Wohlfahrt muss ein bisschen warten, das Land muss funktionieren, dann, irgendwann, geht es den Menschen gut, sozusagen von selber. Was beschlossen ist, wird gemacht, kein Vertun. Chinas Kommunistische Partei, die vermutlich am meisten technologiebesessene Institution der Welt, konstatiert der Autor. Das Leistungsniveau, ist in vielen Bereichen längst zur Weltspitze aufgeschlossen. Unangefochten Weltspitze ist die unkomplizierte Art der Zusammenarbeit vor allem der vielen kleinen Firmen, Kooperaton vor Konkurrenz mit unschlagbarem Zeitgewinn. Und nicht zu vergessen die Begeisterung und der Stolz, mit dem viele Chinesen auf die Leistungen ihres Landes blicken. Viele interessante Details dazu finden sich in besagten siebzig Seiten.
Social Engineering
Wenn Ingenieure das Sagen haben, dann gilt das auch für die Sozialpolitik. Zwei Beispiele zur Erläterung, die Ein-Kind- und die Zero-Covid-Politik.
Die Ein-Kind-Politik
Noch aus der Mao-Zeit stammte die Vorstellung von der drohenden Katastrophe, wenn es China nicht gelingen würde, sein Bevölkerungswachstum zu begrenzen. Für den Ingenieursstaat ein Fall für Social Engineering, mit absolutem Vorrang des Wohls der Nation als Land vor den privaten Wünschen seiner Menschen. Die Polit-Ingenieure waren angesteckt von den Ideen aus dem Buch Die Grenzen des Wachstums des Club of Rome, das 1972 erschien und mit dem Anspruch großer Ernsthaftigkeit Untergangsszenarien wegen knapper Ressourcen an die Wand malte (Eigene Erfahrungen zeigen).
Im Rahmen einer Gastdozentur an der Freien Universität Berlin veranstaltete ich damals ein Seminar zum Thema Grenzen des Wachstums. Mit Hilfe von Differenzialgleichungen wurde in dem Computermodell, das dem Buch zugrunde lag, die Entwicklung jeder einzelnen Ressource hochgerechnet. Die Abhängigkeiten zwischen den Ressourcen wurden durch „semi-empirische“ Kopplungskonstanten abgebildet, sprich durch Schätzungen nach damals bekanntem vermeintlichem Wissen.
Wenn ich in dem Computerprogramm des Modells an den Werten dieser Kopplungskonstanten drehte, konnte ich locker den „Weltuntergang“ um Jahrzehnte bis Jahrhunderte verschieben. Soviel zu den Modellen mit Hochrechnungen von exponentiellem Wachstum.
Diese Ideen waren bereits durch das im Jahr 1968 erschienene Werk eines Staford-Professors Paul R. Ehrlich (nicht zu verwechseln mit dem deutschen Arzt und Nobelpreisträger Paul Ehrlich) mit dem Titel The Population Bomb und seinen eindringlichen Warnungen vor drohenden Hungerkatastrophen gut vorbereitet. Die Chinesische Regierung war aufgeschreckt.

Das eine Kind.
Ein Junge soll es schon sein.
Das war die Stunde des Song Jian, eines Militärwissenschaftlers, der bis dahin maßgeblich an der Entwicklung der chinesischen U-Boot-gestützten Raketen beteiligt war. Er hatte an der Moskauer Universität Kybernetik studiert und war für den Rest seines Lebens ein begeisterter Anhänger von mathematischen Modellrechnungen. Und er hatte die Lösung für die Vermeidungung der drohenden Katastrophen: Die Ein-Kind-Politik. Es galt, die für 2050 hochgerechneten Bevölkerungszahlen von über drei Milliarden Chinesen und sogar über vier Milliarden im Jahr 2080 zu vermeiden. Das Optimum für China, so rechnete Song vor, läge bei 700 Millionen Einwohnern. Ihm gelang es, der chinesischen Führung zu versichern, dass sich Bevölkerungsentwicklungen genauso präzise steuern ließen wie Raketenflugbahnen. Weggewischt waren die Bedenken wegen der Landbevölkerung, der Altersversorgung und der Rekrutierung für das Militär.
Mit technokrarischer Akribie wurde ein Maßnahmenbündel geschnürt: ein zwölfseitiges Formular, um das erlaubte eine Kind bekommen zu dürfen, die Verpflichtung für die Frauen, nach der Geburt Antikonzeptiva zu benutzen, Zwangsabtreibungen für mit einem zweiten Kind schwangere Frauen, Zwangssterilisationen, Einschüchterungen, behördliche Hausbesuche, öffentliche Ermahnungen mit Verpflichtungen zur Abtreibung. Spitzeldienste wurden eingerichtet, um Frauen zu melden, die dabei waren, heimlich ein zweites Kind zu bekommen. Ein General an der Spitze des schnell aufgebauten Apparates sorgte für detailgenaue Umsetzung. Es gab Zielvereinbarungen für die Zahl von Abtreibungen und Sterilisationen und entsprechende Bonuszahlungen, Geldstrafen und Degradierungen für Bedienstete, wenn sie die Quoten verfehlten.
Die Bevölkerung nahm die drastischen Maßnahmen keineswegs kommentarlos hin. Zahlreiche Tricks wurden erfunden, um der Entdeckung von Zweitkindern zu entgehen: Vorübergehender Umzug in entfernte Dörfer, in denen man eine Erstgeburt vortäuschen konnte oder Flucht in entlegende Gebirgsgegenden. Drastische Strafen bei der Rückkehr in die Heimat wurden in Kauf genommen. Doch den meisten Frauen wurden ihre Kinder weggenommen. Es war durchaus auch legal möglich, mehr als ein Kind zu haben, allerdings nur für bestimmte Personenkreise oder gegen Bezahlung.
Bei Erstgeburten kam es zu vielen Kindesmorden, von denen ausschließlich Mädchen betroffen waren, oder Mädchen wurden einfach ausgesetzt, wenn sich keine Adoptivfamilie finden ließ. Es war für Stadtbewohner nichts Ungewöhnliches, das Weinen eines Babys aus einem Karton oder neben einem Müllhaufen zu hören. Kinder, wieder vor allem Mädchen, wurden ins Ausland verkauft, und neue Formen von Korruption taten sich auf, wobei Eltern und Funktionäre sich die dreitausend Dollar teilten. Die Kontrolleure waren verhasst, was auch dazu führen konnte, dass ihre Häuser niedergebrannt wurden.

Glücklich mit zwei Kindern
2013 wurde es legal möglich, ein zweites Kind zu haben, allerdings nur, wenn eines der Elternteile selbst ein Einzelkind war. Erst ab 2015 war es allen Ehepaare erlaubt, ein zweites Kind zu bekommen. Ab 2021 gab es dann die Drei-Kind-Politik. Xi schaltete 2023 komplett um und gelobte für seine dritte Amtszeit eine pro-fertility-Politik.
Dass Peking so lange brauchte, um den Horror zu beenden, lag auch maßgeblich an der bürokratischen Trägheit eines viel zu großen Apparats. Die für die Maßnahmen zuständige Kommission für Familienplanung verfügte über mehr als 500.000 direkte Mitarbeitende, 1,2 Millionen lokale Vollzugsbeamte und 6 Millionen Dorfbeamte, die an der Durchsetzung beteiligt waren. Keine leichte Aufgabe, den Appafat wieder friedlich zurückzubauen.
Die Bilanz dieses Meisterwerks an social engineering war 2024 die Rekordsumme von 321 Millionen Abtreibungen, 108 Millionen Sterilisationen von Frauen, 26 Millionen von Männern und über 150.000 ins Ausland verbrachte oder verkaufte Kinder, fast alle davon Mädchen.
„Women hold up half the sky“
China und Frauen: Kein schöner Land ...

Chinesische Frau
im staatlich verordneten Glück
Auf die Frage, von wann das Mao-Zitat Frauen tragen die Hälfte des Himmels stammt, antwortet Chinas Chatbot DeepSeek: „Sorry, that's beyond my current scope. Let's talk about something else“. Gut, tun wir das. Obwohl das Land viele erfolgreiche Unternehmerinnen aufzuweisen hat, schmiss Xi die einzige Frau aus dem Politbüro, auch in der Regierungsspitze keine einzige Frau mehr (Stand April 2026).
Frauen sollen zu gehorsamen Verfechterinnen des Familienfriedens werden, was bedeutet, mehr Kinder zu bekommen - so die neue politische Doktrin. Zu den Aufgaben des staatlichen Frauenverbandes gehören häufige Anrufe: Wann wirst du heiraten? Das bekommt jede Single-Frau immerzu zu hören, oder Wann bekommts du ein Kind?, wenn sie verheiratet ist.
Doch der Staat findet keine Mittel, die neue Politik der Geburtenförderung voranzutreiben oder zum Geschlechtsverkehr zu ermutigen. Hilflos wird verlangt, dass alle Mitglieder der Kommunistischen Partei drei Kinder haben sollen. Aber die Frauen haben einfach keine Lust mehr. Warum sollte eine Frau ihren Job in der Stadt aufgeben, um dem Wunsch der Partei folgend auf dem Land einen Mann zu heiraten? Viele junge Chinesinnen haben es satt, von alten Männern belehrt zu werden, sie sollten hart arbeiten und Kinder bekommen, während sie mit einem wenig Begeisterung erweckenden Arbeitsmarkt konfrontiert sind.
Nun zum zweiten Beispiel des vorläufigen Höhepunktes von Social Engineering, der Zero-covid-Politik. Dan Wang, der Autor des bemerkenswerten Buchs, hat das Ein-Kind-Kapitel mit der Befürchtung abgeschlossen, dass China ein noch ehrgeizigeres Sozialprogramm auf den Weg bringen könnte: von der Kontrolle der Körper der Menschen zur Formung ihrer Seelen, diesmal mithilfe digitaler Überwachung. Schaue wir genauer hin.
Die Zero-Covid-Politik
Schon zu Beginn der von der WHO erklärten Covid-Pandemie machte das Gerücht die Runde, das Virus sei aus einem Labor in Wuhan entflohen, und US-Präsident Donald Trump schimpfte lautstark von dem China-Virus. Schnell nach dem Ausbruch stellte die chinesische Regierung im Januar 2020 die Stadt Wuhan und weite Teile der umgebenden Provinz (Hubei) unter einen totalen Lockdown. Von Anfang an zielte die chinesische Strategie nicht auf ein Managen der Krankheit, sonern auf die totale Elimination eines jeden Ausbruchs. Diese Zero-Covid-Politik wurde ab dem Sommer 2020 landesweit angewendet. Die Mittel: Grenzschließungen, Massentests, Lockdowns, Zwangsquarantänen und elektronische Überwachung, Motto Schnelles Indentifizieren, schnelles Handeln. Impfen war keine Option, sei es, weil China damals nicht über die mRNA-Technik verfügte oder wegen der Überzeugung, mit der Totaleliminierung des Virus die überlegenere Strategie zu verfolgen.
Der Autor, Dan Wang, erlebte die vollen drei Jahre der Zero-Covid-Zeit in China. Er schreibt, im ersten Jahr fühlte sich das Land noch wie ein Ort von halbwegs heilen Ruhe an, nachdem es das Virus, das weit weg wütete, vermeintlich vertrieben hatte. Im zweiten Jahr war die Stimmung immer noch recht gut, auch wenn alle langsam ungeduldig wurden und sich fragten, wie die Regierung den Ausstieg aus dieser Politik gestalten würde. Im dritten Jahr ging alles den Bach runter, so der Autor wörtlich.
Covid-Alltag
Testen allenorts, und man musste überall, im Büro, Restaurant oder einem Laden bulligen Türstehern den Code der contact-tracing-app vorzeigen, grün war ok, gelb wenn die Wahrscheinlichkeit
bestand, in die Nähe einer positiv getesteten Person geraten zu sein, und bei rot musste man damit rechnen, sofort in Quarantäne gesteckt zu werden. Es gab viele Fehler und Alarme, weil schon an einem Restaurant vorbeigehen, in dem sich eine positiv getestete Person befand, zu einer Gelb-Anzeige führte, ohne dass man das Restaurant betreten hatte.
Mit der Omicron-Variante wurden die Lockdowns so streng wie sonst nirgendwo auf der Welt. Man wollte das Virus buchstäblich aushungern. Deshalb wurde immerzu getestet, mit erbarmungsloser Gründlichkeit, und alles geschlossen, was sich in der Nähe positiver Testergebnisse befand, unbeschadet der Fehlerhaftigkeit der Tests.

„Weiße Engel“ bei er Arbeit
Der Autor schildert, wie Gesundheitspersonal und Polizisten die Ausgänge der im Lockdown befindlichen Gebäude abgesperrten und sich gegenseitig dabei halfen, weiße Ganzkörper-Schutzanzüge anzuziehen, die mit blauem Klebeband zusammengehalten wurden. Es sah so aus, als würden sie sich darauf vorbereiten, die Gebäude zu belagern. Die Mitarbeiter, die den Spitznamen
, etwas müde übersetzt „weiß gekleidete Engel“, trugen, wurden zu gefürchteten Gestalten, die für die Durchsetzung der Null-Covid-Politik standen.
Was der Autor nicht schrieb und vermutlich auch nicht wusste, dass besagte „Weiße Engel“ mit ihren Wattestäbchen im Rachen der chinesischen Bürger Daten für den Aufbau einer DNA-Datenbank sammelten (Details erklären).
Der Aufbau einer DNA-Datenbank ist keine große Sache. Es ist dafür nicht norwendig, die zwei Milliarden Basenpaare der Sequenzierung einer menschlichen DNA zu speichern, sondern nur in der Regel ein paar Marker, sogenannte SDRs (Short Tandem Repeats). Dieses Muster ist sehr genau und reicht als digitaler Fingerabdruck einer Person völlig aus. Ein typisches forensisches DNA-Profil besteht aus 13 bis 20 solcher Marker. Die Kombination dieser Marker ist so einzigartig, dass die Wahrscheinlichkeit einer zufälligen Übereinstimmung der Profile zweier Personen extrem gering ist, mathematisch ausgedrückt bei 10-22 bis 10-26liegt.
Für eine Information über den Zweck des Anlegens dieser Datenbank konnte ich leider keine belastbare Quelle finden.
Die Lockdowns waren so streng, dass Menschen ihre Wohnungen auf keinen Fall verlassen durften und oft nichts mehr zu essen hatten. Wang berichtet von einer hochschwangeren Frau, die vor einer Klinik nach stundenlangem Warten auf einen PCR-Test keinen Einlass fand, heftig blutete und eine Fehlgeburt erlitt - eine Geschichte, die viral ging. Ähnlich dramatische Vorgänge gab es zahlreich. Die Behörden ordneten Massentests an und brachten die positiv Getesteten in Auffanglager, meist Sportstadien mit Massenlagern. Allenthalben forderten Lautsprecher die Leute auf, sich schnellstens testen zu lassen, an jeder Ecke, sogar mit Drohnen aus der Luft. Zuhause eingesperrt blieben schon Leute bei bloßem Verdacht, sie könnten in die Nähe einer angesteckten Person geraten sein.
Shanghai
Shanghai erlitt die strengsten Quarantänen. Aus den im April 2020 angekündigten acht Tagen Lockdown wurden acht Wochen. Trotzdem stiegen die Infektionszahlen weiter. Die Behörden hatten den eingeschlossenen Menschen Versorgung mit Nahrung und Medizin versprochen, aber das funktionierte nicht so recht. Einer der Gründe war die Blockade der Lieferwege wegen stundenlangen Wartenmüssens der Lieferanten auf die Tests und deren Ergebnisse. Die Einwohner waren sehr findig, sich trotz alledem mit dem Nötigsten zu versorgen, zum Teil mit fragwürdigen und sehr bedauernswerten Methoden. So verrotteten viele im Prinzip reichlich vorhandenen Nahrungsmittel, weil sie nicht ankamen. Die betroffenen Menschen haben Unsummen von Geld ausgegeben, um irgendwie an Lebensmittel zu kommen. Über WeChat, Chinas Social-Media-App für alles, organisierten sich Selbsthilfegruppen. Trotz der strengen Maßnahmen blieb die hohe Ansteckungsgefahr. Grund für die steigenden Infektionen waren unter anderem die zahlreichen Tests, täglich jeder einmal, oft auch zweimal. Per WeChat oder mit Megaphonen wurden die Menschen in Hochhäusern in den Eingansbereich beordert, um dann dicht gedrängt lange auf den Test zu warten. Oder man gab den Lüftungssystemen und den behinderten Lieferketten die Schuld, keiner wusste es so genau.
Wer positiv getestet war, durfte nicht zuhause bleiben. 50.000 Feldbetten wurden in Kongresszetren aufgestellt. Sechs-Uhr-Appells per Lautsprecher beorderten die Insassen zum Test. Und überall stank es nach Toiletten oder ungewaschenen Kleidungsstücken. Die Wohnungen aller in Quarantäne Verbrachten wurden desinfiziert, Möbel, Bücher, elektrische Geräte, Kleider, einfach alles. Menschen mit Haustieren hatten besondere Probleme. Kamen sie in Quarantäne, blieb ihnen oft nichts anderes als ihre Lieblinge auf der Straße auszusetzen. Ein Video, in dem jemand einen kleinen Hund mit einer Schaufel jagte und auf ihn einschlug, bis er flach auf dem Boden lag, ging viral (Quelle). Babys wurden von ihren Eltern, Geschwister voneinander getrennt, und es gab so gut wie keine Kommunikation für die Betroffenen. Erst nach einem Aufschrei im Internet gab die Stadt wenigstens ihre Politik auf, Kinder zu isolieren.
Der Zustand der medizinischen Versorgung ließ sich nur als Zusammenbruch bezeichnen, Dialysepatienten starben, Krankenhäuser waren nur noch mit Covid befasst, Medikamente gab es nicht mehr. Nervig war vor allem, dass niemand wusste, wie lange die Maßnahmen dauern sollten. Die häufig wechselnden Direktiven der Behörden trugen weiter zur Verwirrung bei.
Widerstand
Erste Proteste fanden ihren Ausdruck in spontanem nächtlichem Klappern mit Kochtöpfen und Pfannen. Oder die Leute ließen ihrem Frust mit lautem Schreien freien Lauf, bis mit Lautsprechern ausgestattete Drohnen sie aufforderten, mit dem „Singen“ aufzuhören. Protest-Videos zeigten die grauenvollen Bilder von Menschen, die von Hochhäusern gesprungen waren und Selbstmord begangen hatten. Der einzige merkwürdige Erfolg der Behörden war das Tempo, in dem viral gehende Videos gelöscht wurden.
An der Sitong-Brücke in Peking hängte ein mutiger Demonstrant, verkleidet als Bauarbeiter, zwei Spruchbänder auf und zündete einen Autoreifen an, um Qualm für mehr Aufmerksamkeit zu erzielen. Der Wortlaut, frei übersetzt:

Protest-Spruchbänder an der Sitong-Brücke
in Peking am 13.10.2022
Wir wollen Essen, keine PCR-Tests.
Wir wollen Freiheit, keine Lockdowns.
Genug mit den Lügen, wir fordern Würde.
Wir wollen Reformen, keine Kulturrevolution.
Wir brauchen keinen großen Führer, sondern freie Wahlen.
Wir sind Bürger, keine Sklaven.
Und auf einem anderen Spruchband:
Weg mit dem Staatsverräter Xi Jinping!
Der „Bridge Man“ wurde postwendend verhaftet, und es darf vermutet werden hart bestraft. Die Banner waren rasch entfernt, aber die Slogans verbreiteten sich über die Social Media und fanden weltweit Beachtung. Die Zensur arbeitete gründlich und sorgte sogar dafür, dass der Name der Brücke, an der die Banner befestigt waren, aus den Karten und Stadtplänen Pekings gestrichen wurde (Chatzensur zeigen).
Frage: Wodurch ist die Sitong-Brücke in Peking bekannt?
ChatGPT: Die Sitong-Brücke ist vor allem durch einen seltenen politischen Protest bekannt geworden. Am 13. Oktober 2022 hängte dort ein Einzelprotestierender Banner auf, die sich gegen Xi Jinping und die damalige Null-Covid-Politik richteten. Der Protest wurde schnell beendet, bekam aber international große Aufmerksamkeit. Bekannt wurde die Brücke auch deshalb, weil der Protest in China als außergewöhnlich offen galt ....
DeepSeek: Sorry, that's beyond my current scope. Let's talk about something else.
Chat verbergen
Das Ende
In der Folge nahmen die Proteste zu. Tausenden von Arbeitern an Foxconns iPhone-Montagelinien in Henan war es einfach zuviel. Arbeiten mit hohen Wiederholraten, eingesperrt kampieren in der Fabrik, verbreitete Tumulte auf Videos förderten die zornige Frustation. Die weißen Gesundheitsengel wurden mit Steinen beworfen, und die Polizei zog sich zurück.
Es war nicht klar, was die unerwartet heftigen Ausbrüche veranlasst hatte. Wang schreibt, dass alles eher spontan passierte. Lokale Politiker fingen an, sich nicht mehr an die Direktiven der Regierung in Peking zu halten. Die Bevölkerung fand zahlreiche Formen stillen Protestes. Ibuprofen-Vorräte wurden aufgebraucht, um nicht durch Fieber aufzufallen. Erratisch, ohne geordnete Kommunikation, gefühlt von einem Tag auf den anderen wurde die Zero-Covid-Politik einfach aufgegeben. Keine Glanzleistung des „Ingenieur-Staates“, Souveränität sieht anders aus.
Wang rätselte, was Xi uns sein Politbüro zur Aufgabe gezwungen hatte. Seiner Meinung nach waren es weniger die Proteste, sondern die allenthalben feststellbare Erschöpfung, die viele Testerei, die leidende Wirtschaft und lokale Behörden im ganzen Land, die bereits begonnen hatten, ihrerseits viele Kontrollen aufzugeben.
Xi und seine Spitzeingenieure waren überzeugt, der Wissenschaft gefolgt zu sein. Sie waren überaus stolz auf ihre Politik und der festen Überzeugung, etwas geschafft zu haben, das niemandem sonst auf der Welt gelungen war, die bestmögliche Kontrolle über das Virus. Sie hatten eine martial militärische Sprache benutzt, ein Volkskrieg gegen das Virus geführt, und Wuhan, Shanghai .. waren die Schlachten, die sie gewonnen hatten. Für sie zeigte es die Überlegenheit von Chinas sozialistischem System. Ihren selbstgelobten Erfolg schrieben sie auch den digítalen Überwachunstools zu, über die sie in der frühen und mittleren Phase der Ein-Kind-Politik noch nicht verfügten.
Konsequenzen
Die lange Zero-Covid-Phase hatte tiefgreifende Folgen. Man kann es drastisch so sagen, dass junge Menschen förmlich keinen Bock mehr auf den „chinesischen Traum“ hatten. Viele hatten den Wunsch, irgendwie zu fliehen, zumindest die großen Städte zu meiden, wo die Corona-Kontrollen am stengsten waren. Auswandern in englischsprachige Länder war wegen der restriktiver Visapolitik immer schwieriger. Wer abitioniert war, ging nach Singapur, wo immerhin ByteDance eine große Dependance unterhielt. Wer eher auf dolce vita aus war, hatte Thailand im Visier. Da war auch noch Japan für die eher Kulturinteressierten.
Das alles sorgte offensichtlich die Kommunistische Partei weniger. Was sie bekümmerte, so Wang, war die groß gewordene Zahl „reicher“ Auswanderer. Je 14.000 bis 15.000 Millionäre verließen 2023 und 2024 China. Wang schreibt von sich selbst, dass er am meisten den verlorenen Pluralismus vermisste. Die erdrückende Präsenz der chinesischen Regierung mit ihrer Zensur, ihrer Intolaranz gegenüber jeder abweichenden Meinung und dieses lauernde Gefühl von Katastrophe, das alles drückte die Stimmung. Die eigene kleine persönliche Website, die der Zensur zum Opfer fiel, kam für ihn persönlich noch dazu.
Regulierte Wirtschaft
Xi Jinping muss offensichtlich seine Vorliebe für strenge Regulatorik verstärkt haben. Wang schildert ein Investoren-Symposium aus dem Mai 2024, auf dem Xi die Anwesenden gefragt habe, warum China immer weniger Unicorns hervorbrächte. Bevor die Posts der Zensur zum Opfer fielen, war unter den Antworten zu lesen „But Sir, you are the cause“, oder „Is the leadership compound in Beijing connected to the Internet?“.
Die kontrollierende Wut der Regierung richtete sich in voller Heftigkeit gegen Unternehmen, die nach ihrer Meinung zu mächtig wurden. Ein Paradebeispiel ist Jack Ma mit seinem sehr erfolgreichen Ant Financial, einem Unternehmen, das die Vergabe von Mini-Krediten an kleine und kleinste Unternehmen organisierte. Ihm wurde vorgeworfen, seine Aktivitäten führten zu finanzieller Instabilität des Landes, und er veschwand für Monate aus der Öffentlichkeit. Vielen anderen Firmen erging es ähnlich. Alibaba büßte drei Viertel seinen Börsenwerts ein. Eine Online-Lern-Plattform (New Oriental) wurde gestutzt und entließ 60 Prozent ihrer Beschäftigten. Was nach einer Billion Dollar vernichtetem Marktwert blieb, so Wangs Analyse, war eine hohe Jugendarbeitslosigkeit, wackeliges Vertrauen in die finanzielle Stabilität des Landes und eine erlahmte Konsumnachfrage.
Autarke Abkapselung
Wang ist gebürtiger Chinese, mit seinen Eltern in der frühen Ein-Kind-Phase nach Canada ausgewandert, hat lange abwechselnd in den USA und in China gelebt und empfand 2024 bei seiner Rückkehr nach China sein Land immer mehr wie eine Festung. Die früher so belebte Stadt Shanghai erschien ihm seltsam verändert, mit leereren Restaurants, leereren Läden, weniger kauffreudigen Menschen und mit nur noch einem Zehntel ausländischer Studierender im Vergleich zur Situation vor der Pandemie.
Dennoch bleibt seine Liebe für sein Land unverkennbar. Es gibt wunderbare Städte, eine funktionierende Infrastruktur, kein Mangel an Nahrung. China ist ein sicheres Land mit hohem Autonomie-Status, keinen ernsthaften Lieferketten-Problemen und einer in einem bewundernswerten Tempo reduzierten Armut, eine weltweit anzuerkennende Spitzenleistung. Klar immer noch gibt es Luft nach oben, aber was bisher erreicht wurde, ist ein Quantensprung für den Lebensstandard von immer mehr Menschen. China ist ungemein gut in seiner industriellen Produktion und wird Wangs Meinung nach in der Fertigungsindustrie in Zukunft eine technologische Führungsrolle einnehmen. In krassem Gegensatz zur westlichen Industriepolitik, insbesondere Europas (und ganz besonders Deutschlands) steht der eiserne Grundsatz der chinesischen Politik: Niemals deindustrialisieren.
Das westliche Vorurteil, China fehle es an wissenschftlicher Exzellenz und Kreativität, ist längst widerlegt. Schon im Bereich Künstlicher Intelligenz kann man nicht mehr von Aufholjagd reden, es gibt Spitzenleistungen, die US-Amerikas Tech-Elite bereits das Fürchten gelehrt haben und meiner Meinung nach eine schallende Ohrfeige für die verfehlte Sanktionspolitik des Westens sind.
Die westliche Kritik an der eingeschränkten Meinungsfreiheit scheint den chinesischen Wissenschaftsbetrieb nicht zu stören. Entscheidend nicht nur für die derzeit zahlreichen „Rückkehrer“ chinesischer Wissenschaftler in ihr Heimatland sind die von der chinesischen Regierung zur Verfügung gestellten gewaltigen Ressourcen, die keinen Zweifel daran lassen, wie groß die Ernsthaftigkeit ist, für China den Platz an der Weltspitze zu erobern. Dan Wang erinnert an die Sowjetunion und an Hitler-Deutschland, unter deren Regimes Wissenschaft und technischer Fortschritt durchaus prächtig gedeihen konnten. Die deutschen Vorzeigewissenschaftler Carl Friedrich Freiherr von Weizsächer und Werner Heisenberg wollten schließlich auch noch in die letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs in einem Felsenkeller in Haigerloch unbeirrt von der Nazi-Propaganda vom Bau einer Wunderwaffe ihr Atomprojekt zu Ende bringen. Wissenschaft scheint also durchaus mit Autokratie koexistieren zu können.
„Was bekommen wir von einem Besuch
aus der Europäischen Union: Einen Vortrag.
Und was von China: Einen Hafen“.
Spott eines vielgereisten Journalisten
Chinesische Firmen haben ihr Know-how beim Bau von Straßen, Brücken, Eisenbahnen, Tunneln, Staudämmen und Kraftwerken ins Ausland getragen. Doch manchmal bringen sie auch jene Art von Überwachungssystemen und Zensurwerkzeugen mit, die bei autokratischen Führern eifrige Abnehmer finden. China hat viel getan für die Infrastruktur anderer Länder, ganz besonders für Afrika.
Ein Defizit der ingenieursmäßigen Tüchtigkeit bedauert Wang: Der Ingenieursstaat habe keine herausragenden kulturellen Ereignisse gebracht. Wenn einem bei der Frage nach einem weltweit beachteten literarichen Werk neueren Datums nur die fast 3000 Seiten von Liu Cixins SciFi-Trisolaris-Trilogie Die drei Sonnen, Der Dunkle Wald und Jenseits der Zeit einfallen, sei das recht wenig. Doch Xi verspricht Besserung.
Für ein besseres China
Dan Wang hat den Begriff des Ingenueurstaates für sein China gewählt und nicht das weniger schmeichelhafte Wort Technokratie verwendet. Er hat die bewundernswerten Leistungen dieses technisch-wissenschaftlich orientierten „Machertums“ herausgestellt, in krassem Gegensatz zum „Anwaltsstaat“ der USA, der viele baulichen Wundertaten vergangener Zeiten offensichtlich verlernt hat. In den ausführlichen Kapiteln über die Phasen der Ein-Kind- und Zero-Covid-Politik beschreibt er deutlich, wohin die technokratische Besessenheit geführt hat und welche grausamen sozialen Folgen die Kollateralschäden einer solchen Politik mit sich gebracht haben.
Dan Wangs Wunsch:
China needs lawyers, or, to be more precise, the ability for people to decline the state's designs on their bodies, their speech and their minds.
China braucht Anwälte. Oder, genauer gesagt, die Möglichkeit für die Menschen, sich den Plänen des Staates in Bezug auf ihren Körper, ihre Rede und ihren Geist zu widersetzen.
Mehr Rechtsanwälte täte dem Land gut, meint Wang, allerdings unter dem Aspekt, dass dann auch die Chinesische Kommunistische Partei an Gesetze gebunden sei und nicht über dem Gesetz stünde. China brauche Vielschichtigkeit, oder um genauer zu sein, die Möglichkeit für die Menschen, sich den Plänen des Staates in Bezug auf ihren Körper, ihre Rede und ihren Geist zu widersetzen.
Zum Glück, so Wang, kann die Partei sich nicht so hart durchsetzen wie sie möchte. Die Menschen fänden immer Wege, sich an die drückendsten Forderungen der Machthaber anzupassen. Sie setzten die Waffen der Schwachen ein: auf die Flut sinnloser Vorschriften mit zögerlichem Gehorsam, kleinlicher Nichtbefolgung, vorgetäuschter Unwissenheit und Widerworten zu reagieren. Ihm bleibt die Hoffnung, dass die Kommunistische Partei ihr Volk eines Tages gedeihen lässt, indem sie es in Ruhe lässt.
Wangs großer Wunsch ist, dass China lernt, Pluralismus zu schätzen und gleichzeitig substanzielle rechtliche Schutzmaßnahmen für den Einzelnen zu gewährleisten, und dass die Vereinigten Staaten die Fähigkeit zurückgewinnen, „für ihr Volk zu bauen“und das Land nicht nur den Rechtsanwälten überlassen.