Dr. Heinrich von Pierer
Vorsitzender des Vorstands
Siemens AG

 

Pressekonferenz Siemens - The E-Driven Company
am 10. Oktober 2000 in München.

 

Meine Damen und Herren,
ich begrüße Sie in ungewohnter Umgebung: Zwischen Rollfeld und Autobahn, umgeben von der Dynamik eines hochausgelasteten und besonders schnell wachsenden Air-ports.

Ich begrüße Sie aber nicht nur an einem neuen Siemens-Standort, unserem Center of E-Excellence. Sondern vor allem auch auf einer virtuellen Baustelle, und zwar nicht irgendeiner, sondern der größten E-Business-Baustelle der Welt! Siemens ist im Um-bruch! Und weil ich weiß, dass viele von Ihnen genauso wie ich unter dem Druck stehen, auch komplexe Themen auf griffige Formeln verkürzen zu müssen, dann könnte man mit einem Satz sagen: "Wir schaffen New Economy mit Substanz".

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Das war die Kurzfassung. - Jetzt kommt die etwas ausführlichere Version:

Worum geht es? - Deutlich wird das an einem Beispiel zum Thema Knowledge-Management: Unsere Gesellschaft in Malaysia wollte für den Multimedia-Supercorridor zwischen Kuala Lumpur und dem neuen Flughafen ein glasfaserbasiertes ADSL-Projekt - also ein Hochgeschwindigkeitsdatennetz - akquirieren. Wer den Stellenwert des MSC in Malaysia und speziell bei Präsident Mahathir kennt, kann einschätzen, dass hier das Prestige von Siemens auf dem Prüfstand war, aber dass eben auch ein großes Ge-schäft winkte.

Die Not unserer Mitarbeiter vor Ort war groß. Denn ihnen fehlte das erforderliche Wissen, und sie wollten die Waffen schon strecken und bei der Ausschreibung nicht mitmachen. Dann kam einer auf die Idee, unser gerade entstehendes internes Sharenet zu befragen. Und jetzt kommt's: Sharenet ist ein intelligentes Knowledge Management- System im Siemens-Intranet, das bei ICN entwickelt worden ist und jetzt im ganzen Unternehmen eingeführt wird. Funktionieren tut es so: Man gibt das eigene Problem in eine Datenbank mit Suchmaschine ein. In der Datenbank sind Projekte, Projektbearbeiter und Lösungen weltweit gespeichert. Die Suche im Sharenet brachte zutage, dass Kollegen in Dänemark ein vergleichbares Projekt der dortigen Telekom gewonnen hatten und bereits realisierten. Die Mitarbeiter in Kuala Lumpur konnten darauf zurückgreifen und haben umgehend den Auftrag für das erste Pilotprojekt erhalten. Jetzt haben wir beste Aussichten, einen erheblichen Teil des gesamten ADSL-Projekts in Malaysia zu gewinnen. Immerhin liegt das Gesamtvolumen des Vorhabens bei einer Milliarde US-Dollar.

Es ging eigentlich um etwas ganz Naheliegendes: im richtigen Moment auf das Wissen des gesamten Unternehmens zurückgreifen zu können. Und das mit System und nicht per Zufallstreffer. Manchem von Ihnen fällt jetzt sicher das geflügelte Wort ein, das wir im übrigen in einem Anfall von Selbstironie selbst erfunden hatten: "Wenn Siemens wüsste, was Siemens weiß". In Zukunft geht es andersherum: "Siemens weiß, was Siemens weiß". Und damit werden wir bei der Neuakquisition von Aufträgen unser ganzes Wissen zugunsten unserer Kunden einsetzen, und wir werden dem Motto gerecht: Siemens: the global network for your success.

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Ende April in Toulouse hatte ich auf unserer Halbjahrespressekonferenz die Gründung des Center of E-Excellence angekündigt und gesagt, beim "Ausbau unseres E-Business wollten wir nicht kleckern, sondern klotzen". Seitdem treiben wir die Dinge mit Macht voran. Sie wissen ja: im E-Business entsprechen drei Monate einem Kalenderjahr. Und wer Leader und nicht nur Mitläufer sein will, muss sich auch noch einen Vorsprung erkämpfen. Bloß dabei zu sein, das wäre viel zu wenig.

Dreh- und Angelpunkt für E-Business ist natürlich das Internet. In seinen Anfängen war es nur ein Kommunikationsmedium. Jetzt ist das Internet in seiner zweiten Phase. Es entwickelt sich zur zentralen Drehscheibe für E-Business über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg. Und es wird Mittelpunkt aller Außenbeziehungen vom Einkauf über den Vertrieb bis zum Customer Relationship Management. - Außerdem wird das Internet mobil. Egal wo man sich aufhält, am Arbeitsplatz, zuhause oder unterwegs, künftig ist man überall gleich handlungsfähig, sobald man sich ins Netz eingelogt hat.

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E-Business macht Siemens zu einem anderen Unternehmen. Wir stellen unser gesamtes Geschäft auf eine neue Grundlage, denn E-Business schafft eine neue Infrastrukturbasis. Es ist zwar eine Binsenweisheit, dass auch E-Business Business bleibt. Aber sämtliche Prozesse - die internen und die externen - verändern sich. E-Business ist im übrigen auch viel mehr als E-Commerce, es ist ein allumfassender Ansatz.

Deshalb wird es auch keine Zweiteilung in E-People und andere geben. Keiner bleibt außen vor. Sondern alle Mitarbeiter werden Bürger der E-Community, und das inner-halb kürzester Zeit. Entsprechend vernetzt haben wir uns schon während der vergangenen Jahre. Vorankommen müssen wir jetzt bei den Prozessen und in der übergreifenden Zusammenarbeit.

Gedanklich kann man vier Module betrachten.

Ein Beispiel dafür ist der Vertrieb von Serienprodukten. Bisher hatte ein Mailänder Großhändler Handys bei unserer italienischen Landesgesellschaft geordert. Inzwischen kann er über das Internet direkt in unserer Handy-Fertigung in Kamp-Lintfort bestellen. Das ist einfacher, schneller und effizienter. Auch im B2C, also beim unmittelbaren Consumer Business, können die Konsumenten nun schon direkt bei uns bestellen. Derzeit haben wir pro Tag 10.000 Kunden in unseren Online-Shops und erzielen dort pro Woche Umsatzzuwächse von 10 Prozent. Wir garantieren die Auslieferung innerhalb von maximal 48 Stunden.

Den Einkaufswagen im Internet gibt es also schon, übrigens nicht nur bei ICM, sondern zum Beispiel auch in unseren Industriebereichen: bei Automation & Drives etwa das Portal mall.siemens.de mit dem Produkt- und Systemangebot von A&D. Derzeit verzeichnet A&D bis zu 3,5 Millionen Zugriffe pro Monat auf seine Internet-Seiten. Je nach Präferenz kann ein Kunde auch eine direkte Verbindung zu seinem eigenen Warenwirtschaftssystem einrichten. A&D hat das Ziel, bis zum Ende dieses Geschäftsjahres bereits ein Drittel des Geschäftsvolumens elektronisch abzuwi-ckeln.

Einer unzutreffenden Schlussfolgerung will ich aber gleich vorbeugen: Auch wenn sich viele Prozesse bis hin zur Konfiguration von Anlagen ins Netz verlagern werden, bleibt natürlich auch der lokale Kundenkontakt face to face wichtig, vor allem im Anlagen-, System- und Lösungsgeschäft und besonders für Marketing und Entwicklung. Wir spielen weiterhin auf der gesamten Klaviatur der Vertriebs- und Marketingkommunikation. Auch hier gilt die Devise, E-Business bleibt Business - und zwar globales Geschäft an vielen Stellen mit lokaler Verankerung!

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jetzt kommt eine wichtige Aussage: Ich glaube nicht, dass es ein Unternehmen mit einer günstigeren Ausgangsbasis und größeren Potenzialen für die E-Welt gibt als Siemens. Warum ist das so?

Für die Transformation zur E-Company verfügen wir aber darüber hinaus über drei ganz wichtige Assets:

Alles zusammengenommen sind das enorme Stärken. Zugleich macht uns das attraktiv für Bündnisse mit den Besten der Welt. Solche Bündnisse schließen wir, um uns zusätzliche Kompetenz zu verschaffen und den Transformationsprozess zu beschleunigen. Partnerschaften sind wir zum Beispiel eingegangen mit i2 und Commerce One. Intern können wir uns in hohem Maß auf die Fähigkeiten der SBS, also der Siemens Business Services, stützen. ..

Es geht aber nicht nur um große Namen. Sondern wir suchen auch die Nähe zu jungen dot.coms der Szene. Ich selbst habe neulich zusammen mit Herrn Radomski und Herrn Goller eine Woche lang solche dot.coms in Kalifornien besucht. Ihre Kreativität, ihr Spirit und die Leidenschaft bis hin zur Besessenheit der Menschen in diesen "kleinen Tigern" der New Economy sind außerordentlich erfrischend und anregend für uns. Ich habe dabei jedenfalls eine Menge gelernt. Umgekehrt können wir den so genannten "Kleinen" das Umfeld und die Referenzen verschaffen, mit denen sich die Schwelle zu nach-haltigem Erfolg leichter nehmen lässt. Herr Goller greift diesen Punkt gleich noch einmal auf.

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Meine Damen und Herren,
den Eintritt in die E-Welt gibt es nicht zum Nulltarif, das kostet Geld, viel Geld. Aber das Investment ist außerordentlich rentierlich.

Wir hatten unsere Internetfähigkeit in den vergangenen Jahren bereits mit einem Investment von mehreren 100 Millionen Euro in den Ausbau unserer Datennetze systematisch vorbereitet. Wir werden nun aus heutiger Sicht zusätzlich zunächst rund eine Milliarde Euro, also annähernd zwei Milliarden DMark aufbringen - teils aus zentraler Kasse, teils auf der Bereichs- und Regionalebene. Dies ist der Hebel zu einem beachtlichen Produktivitätsschub und zu einer entsprechenden Verbesserung unserer Kostenposition. Hinzu kommt eine höhere Reichweite unseres Angebots zu Märkten und Kunden, mit denen wir heute noch keinen Geschäftskontakt haben, also zusätzliches Wachstum. Aus beiden Elementen ergeben sich Potenziale für eine bessere Marge, die wir als künftige Ergebnissteigerungen auf der bottom line unserer Gewinn- und Verlust-rechnung wiedersehen wollen.

Während meiner letzten Kalifornien-Reise hatte ich auch eine Diskussion mit John Chambers über die Bedeutung von IT-Investitionen für die volkswirtschaftliche Gesamtproduktivität. Wenn die Produktivitätsgewinne in den USA zur Zeit doppelt so hoch sind wie in Europa, dann wird deutlich, welche Bedeutung unser E-Business-Investment für die Produktivität der Volkswirtschaft insgesamt hat. Ich rechne daher nicht nur mit einer deutlichen Beschleunigung unseres eigenen Geschäfts, sondern darüber hinaus auch mit spürbaren Impulsen für unser Umfeld.

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Zum Erfolg mit E-Business gehört auch eine veränderte Einstellung der Mitarbeiter. Sie müssen eine E-Mentalität entwickeln. Was ist darunter zu verstehen?

Zwei Beispiele:

Natürlich wissen wir, dass nicht jeder Mitarbeiter von Beginn an vor Augen hat, worin der Nutzen von E-Business für ihn und seine Arbeit liegt. Der Erfolg des Change-Managements der vergangenen Jahre gibt uns aber allen Grund zum Optimismus. Unsere Mitarbeiter wissen, dass Bereitschaft zum Wandel das Unternehmen und sie selbst voranbringt.

Wie konstruktiv die Mitarbeiter bei Siemens an das Thema herangehen, hat mir auch das Echo auf ein E-Mail gezeigt, das ich zum Start unserer E-Business-Initiative im Frühsommer an alle Mitarbeiter geschickt hatte. Es gab tausende von Antworten aus aller Welt mit außerordentlich nützlichen Vorschlägen für das weitere Fortkommen. Wir haben diese Vorschläge ausgewertet und im Intranet unternehmensweit zugänglich gemacht. Wir nutzen sie jetzt für die Arbeit des Center of E-Excellence.

Meine Damen und Herren,
E-Business ist mein ureigenes Thema. Es ist Chefsache. Gefordert ist dabei
Leadership von der Spitze weg und Commitment auf allen Führungsebenen. Auf einem zweitägigen Treffen unserer Top-Führungskräfte aus der ganzen Welt vor einigen Wochen stand E-Business im Mittelpunkt. Und wir haben auf den verschiedenen Ebenen Verantwortliche benannt. .....

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Meine Damen und Herren,
ich habe eine Vision, was die E-Welt für Siemens bringen wird, und diese Vision steht nicht in den Sternen, sondern ist zum Greifen nahe:

Siemens, eine E-Community aus 440.000 Networkern!
Siemens, der Leader der E-Conomy!
Siemens, New Economy mit Substanz!

Siemens.com, der E-Outperformer!

Da wollen wir hin, und das werden wir schaffen.

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