
Untergang in der Vielfalt unendlich verfügbarer Informationen prophezeihen die Kulturpessimisten, wenn sie sich der Informationsgesellschaft annehmen. Was ist dran - Schwarzmalerei oder ernstzunehmende Warnung?
Noch nie gab es so viele Möglichkeiten wie heute, um etwas in Erfahrung zu bringen. Viele Menschen werden es als Last empfinden, sozusagen immer auf der Suche zu sein. Gewinner dieser Szene sind diejenigen, die wissen, wie man es anstellt, etwas zu suchen. Sie werden ungleich mehr als früher im Vorteil sein gegenüber denjenigen, die das nicht drauf haben.
Doch gesellschaftlicher Konsens gründet sich unter anderem auch auf gleiche oder mindestens vergleichbare Informationen. Nun droht, daß Menschen nicht mehr annähernd über einen gleichen Stand von Informationen verfügen, weil sich jeder vermutlich bloß mit denjenigen Informationen versorgt, die ihn interessieren. Daraus kann folgen, daß die Gesellschaft nur noch aus Informations-Individuen besteht, die sich jeder Auseinandersetzung mit anderen Meinungen, sozialen Problemen oder dem Nebeneinander von Minderheiten entziehen. Man kann noch weiter fragen: Wie stabil ist eigentlich eine Demokratie, in der die Menschen nicht mehr über einen annähernd gleichen Informationsstand verfügen?
Psychologisch wird das Auseinanderdriften der Informations-Individuen durch die Jetzt-und-sofort-Mentalität der Internet-Surferei begünstigt: Statt sich über schnelle Informationsbeschaffung zu freuen, stellt sich eher ein Gefühl des Verpassens und Immer-Noch-Mehr-Habenwollens ein, der Verlust des Gefühls, irgendwo zu sein und die Frustration darüber, an anderer Stelle nicht zu sein. Die Ruhe eines jeden Augenblicks ist gestört durch die Unruhe der verpaßten Augenblicke.
Vgl. dazu auch Detlef Drewes: Die Online Gesellschaft, München 1997, insbesondere Kap. 2 Leben im virtuellen Dorf, S. 22 ff.
Auf der anderen Seite steht das Gerede vom Virtuellen Dorf. Wohlgemerkt Dorf, kein Urbanitätsmodell, das hier Pate steht. Zwischen Globalität und Individualität droht offensichtlich ein Verlust der Mitte. Wie anders erklärt sich die Sehnsucht nach einer emotionalen Heimat, in der man sich auskennt und sich wohlfühlt?
"Es mag sein, daß die Faszination über die nicht mehr greifbare Fülle das Bedürfnis nach Aufgefangensein nach sich zieht. In jedem Fall aber zeigt diese Darstellung, daß sich mit dem Online-Universum so etwas wie eine soziale Neubildung von Gemeinschaften anbahnt. Nachdem die jahrhundertelang gültigen Sozietäten des Stamms und der Sippe, dann der Großfamilie, in die Zweier-Erwachsenen-Familie und schließlich in Single-Haushalte zerlegt wurden, bilden sich nun neue Gemeinschaften - zwar vorerst nur virtuell, aber ohne trennende Grenzen, vielleicht nur via Bildschirm, aber doch erfahrbar."
Detlef Drewes, a.a.O. S. 22
Das Internet-Magazin Global Online (Nr. 7/97) widmet eine Titelgeschichte der Netzwärme und rühmt insbesondere bei den Online-Foren die "einmalige Mischung aus Vertrautheit und Distanz". Firmen legen verstärkt sog. Kulturprogramme auf, auf intensiver Suche nach einem gemeinsamen Werte-Gefüge, das die Menschen zusammenhalten soll. Gleichzeitig zerfallen traditionelle wert- oder zumindest orientierungsstiftende Organisationen wie Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände. Ein neues Vakuum tut sich auf, im sog. Informationszeitalter fehlt ausgerechnet Orientierung, den Myriaden von Suchmaschinen zum Trotz.
Neues wird weiterhin nur aus den Köpfen kommen, nicht aus der Software. Auch in der neuen Informationsgesellschaft wird es darum gehen, die Welt bewohnbar zu machen, sie menschlich und sozial verantwortbar zu gestalten, "nicht deshalb, weil wir ein hübsches Spielgelände für Freaks haben wollen, sondern weil wir in dieser virtuellen Realität einen immer größeren Teil unserer Realität verbringen" müssen (Drews, S. 27). Die Antworten kommen nicht von Microsoft und nicht von SAP.
siehe auch: Folgen der Globalisierung