facebook in der Kritik

Der Cambridge Analytica-Skandal

Nun dürfen sich alle aufregen. Bekannt ist die Angelegenheit schon lange. Von Missbrauch ist nun die Rede. Dabei handelt es sich doch nur um eine Form des üblichen Geschäftsmodells von Facebook, nämlich Benutzerdaten für zielgenaue Marketingzwecke zu verkaufen, das sog. Microtargeting.

Was ist passiert?

Facebook hat Entwicklern freizügigen Zugriff auf die Daten seiner Kunden eingeräumt - und tut dies immer noch, allerdings nach eigenen Angaben jetzt nur noch in eingeschränkter Form. Michael Kosinski, führender Experte in Sachen Psychometrik an der Universität Cambridge hatte eine App entwickelt, mit der auf der Grundlage des OCEAN-Modells ein Persönlichkeitstest durchgeführt wurde. Im Jahr 2014 fand ein Aissenzprofessor an derselben Universität, ein gewisser Aleksandr Kogan Interesse an diesem Verfahren, um 10 Millionen Facebook-Profile psychometrisch analysieren zu wollen. Zu welchem Zweck wollte er nicht sagen. Leichtgläubig willigte Kosinski ein. Schließlich landete das ganze Projekt bei der Firma Cambridge Alaytica. Die ganze spannende wie verwirrende Geschichte ist nachzulesen in dem Aufsatz Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt von Hannes Grassegger und Mikael Krogerus in Das Magazin N°48 vom 3. Dezember 2016.

Dabei war das Profildaten-Sammeln der Benutzer technisch möglich, und das Datensammeln der Facebook-Freunde gleich auch. Der Vorwurf konzentriert sich nun auf die Behauptung, dass die Daten ungenehmigt an die Firma Cambridge Analytica weitergegeben wurden. Diese Firma ist bekannt geworden durch ihre Wahlhilfe für Donald Trump und soll auch beim Brexit mitgemischt haben. Die dabei angewandte Methode war das Microtargeting.

Die Methode Microtargeting

Von den Benutzern weiß man ihr Alter, Geschlecht und alles was sie sonst noch an Informationen freizügig von sich preisgeben. Facebook verdient den Großteil seines Geldes damit, dass politische und kommerzielle Akteure ihre Inhalte möglichst zielgenau an gewünschte Zielgruppen richten können. Zu den Inhalten können neben aus der Analyse des Internet-Verhaltens gewonnenen Daten gesponserte oder von Drittparteien eingekaufte Inhalte gehören. Damit kann man dann Firmen, politischen Agenturen oder wem auch immer Dienste anbieten, potenzielle Kunden zielgruppengenau anzusprechen oder Werbung kontextabhängig in Dokumente aus dem Internet einzublenden.

Dass Facebook umfangreiche Analysen vornimmt, um seine Nutzer in vermarktbare Kategorien zu sortieren, ist schon lange bekannt. In den USA gibt es immer wieder Diskussionen darum, dass der Konzern Menschen auch nach ethnischer Affinität kategorisiert und es so Werbenden ermöglicht, Benutzer anhand dieser Kriterien anzusprechen oder auszuschließen.

Quelle: Ingo Dachwitz, in Netzpolitik.org vom 5.2.2018

Der Facebook-Erfolg

Das Geheimnis des Erfolgs von Facebook beruht auf der Kombination von Big Data, Analytics und Statistik. Die Daten der Benutzer werden auf ihre Vorlieben hin analysiert. Diese kommen in „Likes“ und „Posts" zum Ausdruck und lassen sich prima an Unternehmen verkaufen, die Kunden und Kundengruppen identifizieren oder Interessengruppen und „Influencer“ für sich gewinnen möchten. Und da man auch weiß, wer mit wem "befreundet" ist, kann man einen großen Kreis von Menschen in die Aktionen einbeziehen.

Professor Kogan reichten ein paar Dutzend Posts aus, um die Persönlichkeit und Vorlieben eines Menschen ziemlich genau zu beschreiben. Zunächst waren es 270.000 Facebook-Profile. Durch den Zugriff auf die Freundes-Listen wurden dann schnell über 50 Millionen daraus - kann man leicht nachrechnen, wenn man durchschnittlich 150 bis 200 Freunde pro Kontakt unterstellt.

Neuer Alarmismus

Das Gespenst des Microtargeting lässt nun auch der durch den Facebook-Cambridge-Analytica-Fall aufgeschreckten Bundesregierung keine Ruhe: „Wir wollen Algorithmen transparent machen“, so Justizministerin Katarina Barley in einem Interview mit dem Handelsblatt.

Wenn es sich hier um ein Skandal handelt, dann ist die Frage erlaubt, woraus er wirklich besteht:

Unter dem Druck der Öffentlichkeit denkt Facebook jetzt über eine Änderung seines Geschäftsmodells nach. Gegen Bezahlung einer monatlichen Gebühr sollen Benutzer nun ihren Account gegen die Weitergabe der Daten zu Werbezwecken erhalten können, so Facebook-Vicechefin Sheryl Sandberg, gleich mit der Offenhaltung einer weiteren Hintertür: Weitergabe nur an Werbetreibende ausgeschlossen, nicht aber zur Weiterentwicklung der eigenen Services.

Was die Hersteller von Unternehmenssoftware vielen Firmen heute anbieten, ist keinen Schlag besser. Microsofts Office Graph ist nichts anderes als Microtargeting innerhalb der Arbeitsbeziehungen eines Unternehmens oder Konzerns. SAP, Oracle, Salesforce, Workday - wie sie alle heißen mögen - arbeiten mit Nachdruck daran, ihre Software mit Methoden der Predictive Analytics anzureichen - geheim gehaltene Algorithmen zur Verhaltens-Vorhersage der betroffenen Menschen, seien es Mitarbeiter, Kunden oder Lieferanten.

Wir brauchen dringend eine politische Debatte über die Grenzen des Big Data-Geschäfts.

 

Karl Schmitz, April 2018
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