Im Absturz

Der tse-Belegschaftsklima-Index bki (alle Auswertungen der letzten Monate) fällt dramatisch auf neue Tiefstände (86,7 Punkte). Die von uns befragten Betriebs- und Personalräte rechnen in ihrer Mehrzahl mit einem massiven Stellenabbau in ihren Unternehmen. Damit erreicht das von Banken, Rating-Agenturen und Politik verursachte Finanz-Desaster die Kolleginnen und Kollegen von nebenan. Und uns selbst.

Während sich die Politiker als Gutmenschen feiern, weil Sie zur Rettung der Banken Geldsummen – unsere Steuergelder – in Größenordnungen jenseits aller Vorstellungskraft zur Verfügung stellen, während millionenschwere, neoliberale Banker Staatshilfen fordern und ein Wirtschaftsverband nach dem anderen Subventionen verlangt, schauen die Arbeitnehmer, die in den vergangenen Jahren für den Aufschwung geschuftet haben, Überstunden gerissen haben und damit für grandiose Gewinnsteigerungen ihrer Unternehmen gesorgt haben, in die Röhre. Wer als schlecht bezahlter Leiharbeiter geholfen hat, die vollen Auftragsbücher abzuarbeiten, steht in vielen Betrieben schon mit mehr als einem Bein auf der Straße, dem Zweiklassen-Arbeitssystem sei Dank.

Die Großkoalition hat ein Konjunkturpaket beschlossen, dass nicht so heißen darf. Kritisiert wird allenthalben das Stückwerk der einzelnen Maßnahmen, eine große Linie wird vermisst. So weit, so schlecht. Nur, warum kritisiert eigentlich niemand, dass man sich in Berlin noch nicht mal bemüht hat, diejenigen Beschäftigten, die von den durchschlagenden Auswirkungen der Finanzkrise am stärksten betroffen sind, zu entlasten? Welche Supermarkt-Kassiererin wäre auch nur in der Lage, einen Neuwagen zu kaufen, um von der Steuerersparnis zu profitieren? Welcher von Arbeitslosigkeit betroffene Bauarbeiter kann es sich leisten, Handwerkerleistungen in der Größenordnung von zwei Netto-Monatsgehältern zu bezahlen?

Es ist höchste Zeit, dass Politik und Gesellschaft endlich die Unternehmen und Konzerne in die Pflicht nehmen, diejenigen Mitarbeiter, die in den vergangenen Jahren mit ihrem Engagement und ihrer Arbeit für den wirtschaftlichen Erfolg gesorgt haben, fair zu behandeln. Wer in der Welt der „economy“ Dankbarkeit und Demut einfordert, wird bislang als vermeintlicher Sozialromantiker überhört. Nur, was bitte haben die die Väter des Grundgesetzes anderes im Sinn gehabt, als sie formulierten: „Eigentum verpflichtet.“?

Wie wäre es zum Beispiel, die Dividendenzahlungen einfach mal für ein Jahr auszusetzen? Wie wäre es, Sonderzahlungen an Vorstände in Zeiten der Krise einzufrieren, die Deutsche Bahn lässt grüßen? Wie wäre es, ein Jahr mal nicht auf steigende Aktienkurse nach Massenentlassungen zu hoffen? Wie wäre es, einfach mal keine Beschäftigten zu entlassen, um im Jahr nach der Krise mit einer motivierten Belegschaft durchzustarten – denn schon in einem Jahr soll es nach Expertenmeinung wieder aufwärts gehen? Wie wäre es, beim Neuaufschwung dann nicht den Facharbeitermangel bejammern zu müssen, weil man die Belegschaft in Krisenzeiten zusammen gehalten hat? Das wäre doch nicht schlecht, oder?

Ein weiterer Begriff mit dem Stempel der Sozialromantik ist die „Anständigkeit“. Ein wenig davon täte uns und den Beschäftigten nach dem Kollaps des Räuberkapitalismus gut

Dirk Hammann, tse GmbH

Bisherige Streiflicher...



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